David Korsten
Autor und Journalist

Online

Rekrutieren „Die Rekruten“?

von

in: Follow Up Magazin, Mai 2017

Seit vergangenem Herbst wirbt die Bundeswehr mit Internet-Clips um Nachwuchs. Im Gespräch ist sie derzeit aber viel mehr wegen brauner Kameraden. Was hat die große und teure Image-Kampagne gebracht? Sind die Nachwuchssorgen der Truppe passé?

Eines ist klar: An Skandalen mangelt es der Bundeswehr momentan nicht. Menschenverachtende „Initiationsriten“, entwendete Waffen, ein rechter Soldat, der sich als Flüchtling ausgab und mutmaßlich einen Anschlag plante. Das gesamte Ausmaß des Rechtsextremismus in der Truppe ist noch gar nicht bekannt. Und das in Zeiten, in denen der Bundeswehr Personal fehlt. Seit Aussetzung der Wehrpflicht im Jahr 2011 kommt der Nachwuchs eben nicht mehr von selbst. Die Truppe muss für Rekruten sorgen – und dafür nimmt sie nicht gerade wenig Geld in die Hand: Der Etat für die Nachwuchsgewinnung beträgt insgesamt satte 35,3 Millionen Euro.

Davon hat die Bundeswehr auch ihr jüngstes Werbeformat finanziert: Vor gut einem halben Jahr startete die YouTube-Serie „Die Rekruten“. Sie richtet sich an  17- bis 25-Jährige. Die Protagonisten werden von Kamerateams begleitet, filmen sich auch im Selfie-Format. Die Fünf-Minuten-Clips zeigen die verschiedenen Stationen der Grundausbildung in einer Marinetechnikschule.

Als Kosten für „Die Rekruten“ gibt die Bundeswehr insgesamt 6,9 Millionen Euro an: 1,7 Millionen für Produktion und Social-Media-Management und 5,2 Millionen Euro für Werbung (knapp 3 Millionen Euro davon für Anzeigen bei YouTube, Facebook, Instagram und Snapchat).

Erfolgreiches Personalmarketing?

Kritiker wie Christine Buchholz, verteidigungspolitische Sprecherin der Linkspartei im Bundestag, monieren die Kosten – 100.000 Euro pro Tag seien zu viel.  Tobias Lindner, Verteidigungspolitiker bei den Grünen, sagt, Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen hätte das Geld besser in die Ausrüstung der maroden Streitkräfte gesteckt. Und Thomas Koch, Kommunikationsexperte an der Uni Mainz, kritisierte gegenüber „Die Welt“: „Die Bundeswehr stellt sehr deutlich bestimmte Themen und Werte in den Vordergrund, beispielsweise Sport, Abenteuer, Kameradschaft, Technik.“ Hinweise auf die Gefahren, die bei Bundeswehr-Einsätzen lauern, sucht man in der Serie vergebens.

Für die Bundeswehr steht aber fest: „Die Rekruten“ war ein voller Erfolg, man habe damit „den Nerv der jungen Menschen in Deutschland getroffen“, schreibt eine Sprecherin. Nur zwei Wochen nach dem Start hätten 200.000 Nutzer die Serie auf YouTube abonniert, 45 Prozent davon gehörten zur Kernzielgruppe der 17- bis 25-Jährigen, davon 20 Prozent Frauen. Die Videos seien insgesamt „mehr als 40 Millionen Mal geklickt“ worden.

Vom Netz ins TV

Führt das aber zu mehr Bewerbungen? Erste Effekte seien, so die Bundeswehr-Sprecherin, an der Zugriffszahl auf die Karriereseite der Bundeswehr ablesbar: „Diese lag im Ausspielungszeitraum von November 2016 bis Ende Januar 2017 über 40 Prozent höher als noch im September und Oktober 2016.“ Was bedeuten 40 Prozent in absoluten Zahlen? Exakte Angaben erhalten wir auf Nachfrage nicht, werden vertröstet. Eine Gesamtauswertung soll  gegen Ende des Jahres erfolgen.

Was sich sagen lässt: Die YouTube-Serie „Die Rekruten“ hat viel Aufmerksamkeit erhalten – und eine Zusammenfassung soll demnächst bei RTL II laufen. Für Herbst ist eine neue Staffel auf YouTube geplant, diesmal zu einem anderen Bundeswehr-Thema. Ob die Klicks reichen, um das doch arg ramponierte Image der Bundeswehr aufzupolieren und für den dringend benötigten Nachwuchs zu sorgen? Fraglich.

Horrorclowns vor Gericht

von

in: Follow Up Magazin, Mai 2017

Als es dunkel wurde im Herbst 2016, spielten Verkleidete anderen Menschen makabre und teils brutale Streiche. Über die Folgen des Spuks.

A m 24. Mai dürfte dem Amtsgericht in Recklinghausen eine seltene überregionale Aufmerksamkeit sicher sein. Dann müssen sich auch im Westen Deutschlands zwei Menschen verteidigen, die im vergangenen Herbst als Horrorclowns Unbeteiligten einen heftigen Schrecken eingejagt hatten. Die Verhandlung ist im Saal 29 angesetzt. Den nutzt das Gericht für Sitzungen mit größerem Publikumsinteresse. Einen Vorgeschmack auf die mediale Aufmerksamkeit gab es, als die Bild-Zeitung vor knapp zwei Monaten über die Anklage berichtete. Danach folgten etliche Medienanfragen.

Der Fall selbst wirkt heute eher unspektakulär: Ein Pärchen aus Datteln muss sich verantworten wegen des Vorwurfs des „gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr“. Eine Geld- oder Haftstrafe ist möglich für die beiden, die Ende Oktober in Horrorkostümen über eine Straße liefen, Fahrer erschreckt und zum scharfen Abbremsen gebracht haben sollen.

Rund um das Halloween-Fest im vergangenen Jahr war die Aufregung groß. In den Massenmedien war von einer „Horror-Clown-Welle“ die Rede, eine neue Gefahr schien überall zu lauern. Professionelle Clowns gingen auf Distanz. „Einige Klinikclowns wurden damals tatsächlich darauf angesprochen, aber grundsätzlich war den Menschen klar, dass Klinikclowns mit sogenannten ‚Horrorclowns‘ außer dem Wort ‚Clown‘ im Namen nichts zu tun haben“, sagt Elisabeth Makepeace, Vorsitzende des Dachverbands Clowns in Medizin und Pflege Deutschland.

Heute haben sich die Meldungen um die Horrorclowns weitgehend verflüchtigt. Ein erstes Urteil gab es vergangene Woche: In Würzburg sprach ein Jugendgericht zwei junge Frauen schuldig und verhängte Jugendarrest bzw. Sozialstunden. Die beiden hatten eine Frau so sehr erschreckt, dass diese heute noch in psychologischer Behandlung ist.

Es sind Einzelfälle, die nachhallen – nachdem Ende 2016 Millionen Menschen über einen gefährlichen Trend diskutierten, der aus den USA über Großbritannien und die Niederlanden nach Deutschland gekommen war. Die „Horror-Clown-Welle“ war ein medialer Aufreger.

Horrorclown-Schwerpunkt NRW

Nordrhein-Westfalen war damals ein besonderer Schwerpunkt. Das Landeskriminalamt in Düsseldorf verzeichnete insgesamt 415 Fälle – im Oktober und Anfang November. „Wir hatten es mit einem neuen, aber örtlich und zeitlich eng eingegrenzten Phänomen zu tun“, sagt LKA-Sprecher Frank Scheulen, „es trat kurzfristig auf und ist kurzfristig wieder vergangen.“

Wurde damals zu viel Wind um die Sache gemacht? Raymond Walk, von Beruf Polizist und heute CDU-Abgeordneter im thüringischen Landtag, glaubt das nicht. Er kritisierte damals die rot-rote Landesregierung. Sie habe das Thema nicht prominent genug behandelt. „Es war ein Hype. In einer solchen Situation ist es aber wichtig, dass die Einsatzkräfte sensibilisiert sind und die Bevölkerung präventiv informiert wird“, sagt Walk. Gerade die Berichterstattung sei wichtig – auch damit Bürger die Fälle melden und Täter verfolgt werden.

Lars Gräßer, Pressesprecher beim Grimme-Institut in Marl, sieht die Sache zwiespältig. Denn durch den medialen Hype wurde er plötzlich ein viel gefragter Experte für eine bis dato unbekannte Erscheinung – und sogar für kriminalistische Fragen außerhalb seines Fachgebiets. „In vielen Fällen war der Hype aber Unsinn“, sagt Gräßer.

Er versteht die Horrorclowns als Teil des Internetphänomens der Pranks – mitunter fragwürdige Streiche, die nach dem Prinzip der versteckten Kamera gefilmt und ins Netz gestellt werden. Meist blieben solche Dinge im Netz. „Erst als die großen Medienmarken das Phänomen aufgegriffen haben, wurde es zum Hype.“ Dass die Medienberichte die Taten in der Realität erst provoziert hätten, glaubt der Medienwissenschaftler jedoch nicht.

So sind die Horrorclowns ein gutes Beispiel dafür, wie plötzlich ein Thema für Schlagzeilen und Verunsicherung sorgt und ebenso schnell wieder verschwindet. In einem sind sich die Experten einig: Es war eine Eintagsfliege. Auch das LKA in NRW hält es für „unwahrscheinlich“, dass das Phänomen im  Herbst 2017 wieder auftritt. Eine Rolle spielt die Justiz. Wenn die Horrorclowns jetzt verurteilt werden, hat das Wirkung: Im Neonlicht der Gerichtssäle lässt sich geordnet aufarbeiten, was an dunklen, kalten Abenden für den gewissen Thrill sorgen sollte.

Knappe Konserven – Wie steht es um die Blutvorräte?

von

in: Follow Up Magazin, März 2017

Im September 2016 warnte das Deutsche Rote Kreuz (DRK): Der Vorrat an Blutspenden sei fast überall in Deutschland aufgebraucht, die Notfallversorgung in Gefahr. Die Gründe für den Engpass: Sommerferien, Fußball-EM, OIympische Spiele – und die Rekordhitze im September. Wie ist die Lage heute, ein halbes Jahr später? Weiterlesen

Lehrerproteste in Mexiko – Was geschah in Oaxaca?

von

in: Follow Up Magazin, Dezember 2016

2013 beschließt das mexikanische Parlament eine umfassende Bildungsreform. Die mitgliederstarke Lehrergewerkschaft wehrt sich. Am 19. Juni 2016 eskalieren die Proteste in Noxichtlán, einer Kleinstadt im südlichen Bundesstaat Oaxaca. Wir haben einen Monat, drei Monate und ein halbes Jahr nach den Ereignissen mit Philipp Gerber darüber gesprochen. Der Ethnologe arbeitet für die Organisation medico international Schweiz, die sich in Mexiko für eine bessere Basisgesundheit einsetzt. Sie arbeitet zudem mit lokalen Hilfsorganisationen zusammen, die sich u. a. um die Opfer von Folter und Gewalt kümmern.
Weiterlesen

Jobwunder in Köln? – Was bewirkte die Plakataktion „1.000 freie Stellen“?

von

in: Follow Up Magazin, September 2016

Seit Mitte März 2016 sucht die Stadt Köln mit einer Werbekampagne händeringend Personal: Städtische Werbetafeln, Aushänge in öffentlichen Gebäuden sowie Website und Facebook-Kanal der Stadt machten auf „1.000 freie Stellen“ aufmerksam. Ein halbes Jahr später fragen wir nach dem aktuellen Stand: Wie viele der Stellen sind inzwischen besetzt? Was hat die Kampagne der Stadt gebracht? Und mit welchen Schwierigkeiten haben Städte bei der Personalgewinnung zu kämpfen? Weiterlesen

Germanwings-Absturz – welche Konsequenzen ziehen Politik und Airlines?

von

in: Follow Up Magazin, September 2016

Im März 2016 legten die Ermittler der französischen Flugsicherheitsbehörde BEA ihren Abschlussbericht zum Germanwings-Absturz vor – ein Jahr, nachdem Co-Pilot Andreas Lubitz den Airbus A320 bewusst in die französischen Alpen gesteuert und sich und die 149 Crew-Mitglieder und Passagiere getötet hatte. Im Bericht gaben die Ermittler insgesamt sechs Sicherheitsempfehlungen. Derweil ist seit Anfang Juli 2016 ein neues Luftverkehrsgesetz in Kraft. Sechs Monate nach Veröffentlichung des Abschlussberichts fragen wir: Inwieweit sind die Empfehlungen der Experten in das Gesetz eingeflossen? Und was hat sich bei den Airlines geändert?
Weiterlesen

Vatikan-Theologe nach Coming-out: „Die Kirche nimmt Homoseuellen ihre Würde!“

von

in: Follow Up Magazin, April 2016

Am 3. Oktober 2015 bekennt sich Krzysztof Charamsa, Mitarbeiter des Vatikan, öffentlich zu seiner Homosexualität. Den Zeitpunkt für sein Coming-out hat der polnische Theologe bewusst gewählt, beginnt doch einen Tag später, am 4. Oktober, in Rom die Weltbischofssynode mit den Schwerpunktthemen Ehe und Familie. Auch der Umgang der Kirche mit Homosexualität soll dort diskutiert werden. Charamsa ist Dozent an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom sowie Mitglied der Glaubenskongregation. Die Kirche reagiert prompt und entlässt Charamsa aus allen Ämtern. Der Bischof der polnischen Diözese Pelplin ermahnt den Theologen und fordert ihn auf, zum „Amt Christi“ zurückzukehren. Charamsas Sühne bleibt aus, worauf der polnische Bischof ihn am 17. Oktober 2015 vom Priesteramt suspendiert. Ein halbes Jahr später sprechen wir mit Krzysztof Charamsa über sein Coming-out, die Haltung der katholischen Kirche zur (Homo-)Sexualität – und fragen, wie sich sein Leben in den vergangenen sechs Monaten verändert hat.

Weiterlesen

Das erste Hindu-Grabfeld in Hamm

von

in: Follow Up Magazin, April 2016

Surya, der hinduistische Sonnengott, taucht das östliche Ruhrgebiet am 1. Oktober 2015 in ein goldenes Licht. Was an diesem Tag auf einem Kommunalfriedhof in Hamm vonstattengeht, scheint ihm zu gefallen: Priester der Hindu-Gemeinde des Sri-Kamadchi-Ampal-Tempels weihen das erste hinduistische Grabfeld in Mitteleuropa ein. Oberbürgermeister Thomas Hunsteger-Petermann und andere Vertreter der Stadt, Geistliche unterschiedlicher Konfessionen, Wissenschaftler und Journalisten nehmen an der Eröffnungszeremonie teil. Dass Hindus sich überhaupt auf einem Friedhof beisetzen lassen, ist in ihrer Bestattungskultur eigentlich nicht vorgesehen. Wie ist dieser Wandel zu erklären? Wird das Grabfeld bereits genutzt? Und wie fügt es sich in die Geschichte der Hindu-Gemeinde in Hamm ein? Ein halbes Jahr nach der Eröffnung hat Follow Up sich in Westfalen umgesehen.

Weiterlesen