David Korsten
Autor und Journalist

#Köln

Insel mit Aussicht

von

in: KölnerLeben, August/September 2017

Einige Kinder spielen mit Schaufel und Eimer im Sand, andere erklimmen den Leuchtturm. Ein Junge und ein Mädchen jauchzen, während sie auf der Robbenwippe auf- und niedersausen. Der neu gestaltete Spielplatz am Hartenfelsweg gleicht einer Strandlandschaft – seit April dieses Jahres tummeln sich dort Kinder und Jugendliche, auf der Boule-Bahn spielen vor allem die Älteren. Auch auf dem Spielplatz am Pingenweg ist seit dem Frühjahr mehr Platz zum Tollen und Toben. Besonderes Highlight: Eine 30 Meter lange Seilbahn.

Die modernisierten Spielplätze sind zwei von elf Projekten, die im Zuge des so genannten „Integrierten Handlungskonzepts“ (IHK) für Lindweiler umgesetzt werden. Den Beschluss fasste der Rat Ende 2014. Bis zum Start verging allerdings ein Jahrzehnt: Bereits 2004 war sich die Bezirksvertretung Chorweiler einig, dass in Lindweiler etwas geschehen muss.

Zwei Seniorenclubs, aber keine Sparkasse

Kennzeichnend für Lindweiler ist seine „Insellage“: Die südliche Grenze ist die A1, im Westen verläuft die A57, im Norden der Chorweiler Zubringer, und im Osten trennt die Eisenbahnlinie nach Düsseldorf den Stadtteil von Heimersdorf ab. Die etwa 3.500 Einwohner leben je zur Hälfte in Mietwohnungen rund um die Ortsmitte Marienberger Hof sowie in den umliegenden Einfamilienhäusern, in letzteren vorwiegend ältere Menschen. Für sie gibt es im Haus Baden auch einige Altenwohnungen.

Zwei Seniorenclubs begegnen sich regelmäßig im Lindweiler Treff der Diakonie. „Zur Begrüßung singen wir immer ein Lied, dann spielen wir Karten, Bingo oder ‚Mensch ärgere Dich nicht‘“, erzählt Inge Zeitel vom Seniorennetzwerk Lindweiler, die die Gruppen leitet. Zum Treffen am Mittwoch bzw. Freitag kommen jeweils etwa 20 Personen, machen Gymnastik und Gedächtnistraining, und bei Kaffee und Kuchen plauschen die Senioren in geselliger Runde. Inge Zeitel kennt daher auch die Probleme der Älteren in Lindweiler genau: „Früher gab es mal eine Sparkasse“, sagt sie. Jetzt ist dort ein Kiosk. Auch eine Postfiliale vermissten viele der Älteren und eine Apotheke suche man vergeblich. „Wer nicht mehr Auto fahren kann, für den ist das schon ziemlich umständlich“, sagt Zeitel.

Von den Alltagsproblemen insbesondere der älteren Bevölkerung berichtet auch Hans-Jürgen Brause. Er vertritt die Bürger Lindweilers im Veedelsbeirat, der im Zuge des IHK ins Leben wurde. Dort können die Bürger Fragen stellen und Bedürfnisse äußern. „Viele wünschen sich kürzere Wege im Alltag“, sagt er. Es gebe zwar einen kleinen Supermarkt in der Ortsmitte, doch für alles andere müssten die Lindweiler einige Kilometer mit dem Bus oder dem Fahrrad in die angrenzenden Stadtteile fahren, nach Pesch, Chorweiler oder Longerich.

Die Ortsmitte rund um den Marienberger Hof soll ebenfalls neugestaltet werden. „Es gibt dort viel Leerstand“, sagt Vanessa Weller, Projektkoordinatorin für Lindweiler beim Amt für Stadtentwicklung und Statistik. Das kleine Zentrum soll attraktiver werden, einen neuen Bodenbelag und Sitzgelegenheiten erhalten. „Die Fertigstellung ist für 2019 geplant“, sagt Weller. Damit verbinden die Planer die Hoffnung, dass sich wieder mehr Geschäfte in Lindweiler ansiedeln.

„Da mache ich mir aber keine Illusionen“, sagt Hans-Jürgen Brause vom Veedelsbeirat. „Hier leben einfach zu wenige Leute. Für Unternehmen rechnet sich das möglicherweise nicht.“ Dennoch gehe es kleinen Schritten voran, sagt er. So seien etwa die garagengroßen Stromhäuschen künstlerisch gestaltet worden. „Das kostet nicht viel, ist aber wichtig für eine höhere Lebensqualität.“ Sichtbare Veränderungen zeigten den Bürgern, dass sich das gemeinsame Engagement lohnt.

Lino-Club für alle Generationen

„Mit den Mitteln aus dem Integrierten Handloungskonzept haben wir im Juni auch das Stadtteilfest zum 40-jährigen Jubiläum Lindweilers finanziert“, sagt Angelika Klauth. Sie ist zuständig für das soziale Quartiersmanagement in Lindweiler, und gemeinsam mit Hans-Josef Saxler leitet sie den Lino-Club. Das Kinder- und Jugendzentrum selbst soll schrittweise zu einem generationenübergreifenden Bürgerzentrum ausgebaut werden, mit dem Beschluss des Landes NRW rechnet die Stadt Ende 2017. „Man braucht schon einen langen Atem“, sagt Saxler. „Aber wenn Bands wie Pelemele oder Kasalla hier bei uns im Zirkuszelt auftreten, zieht das auch Menschen aus anderen Stadtteilen an“, sagt Klauth mit Blick auf die Veranstaltungen in Lindweiler. Für den Austausch über Veedelsgrenzen hinweg müsse man schon etwas tun, sind sich die beiden einig. „So kann aus dem Nebeneinander ein Miteinander werden“, sagt Saxler. In Lindweiler ist von Resignation keine Spur, und nach der langen Zeit des Wartens und des Nachhakens kommt allmählich Bewegung ins Veedel. Und das sind doch recht positive Aussichten für die „Insel“ Lindweiler.

Kino, Kitsch und Coldplay

von
Kult-Club Gloria feierte 60-jähriges Jubiläum mit vielen Stars
in: Kölnische Rundschau, 3. September 2017

Köln. Ein Hauch Nostalgie durchweht den rot-plüschigen Saal in der Apostelnstraße, als Ray Collins’ Hot-Club mit Rock’n’Roll-Klängen im Stil der 1950er-Jahre den Abend eröffnet. Am Freitag feierte das Gloria mit einer Gala sein 60-jähriges Bestehen. Etwa 500 Gäste waren gekommen, darunter Comedians wie Mirja Boes, Dave Davis und Mundstuhl, die Musiker von Erdmöbel und Guildo Horn. WDR-Moderator Thorsten Schorn führte durch den Abend, mit musikalischen und kabarettistischen Einlagen ließen langjährige Weggefährten des Clubs die wechselvolle Gloria-Geschichte aufleben.

In den 90er war Schluss mit Kino

Die Comedians Martin Reinl und Carsten Haffke etwa schwelgten mit ihrem Puppen-Ehepaar „Omi und Opi Flönz aus Nippes“ bei einer Diashow in Erinnerungen, zeigten Fotos und Filmplakate aus den vergangen sechs Jahrzehnten. Sie erzählten, mitunter arg kalauernd, wie das Kino 1956 mit dem österreichischen Heimatfilm „Verlobung am Wolfgangsee“ eröffnete und Hollywood-Klassiker wie „Frühstück bei Tiffany“ zeigte, bis ab Ende der 1960er-Jahre Sex- und Pornofilme über die Leinwand flimmerten. In den 1990er-Jahren war Schluss mit Kino, das Gloria wurde zur renommierten Adresse für Konzerte, Comedy und Kabarett, Stars wie Hella von Sinnen hatten hier ihre ersten Auftritte.

Im Gespräch mit Moderator Schorn erinnerten die Gäste auf der Bühne auch an die legendären Schaum- und Schlagerpartys. Bernd von Fehrn etwa, dessen Bühnenfigur Wanda Rumor Kultstatus erreichte, erzählte von seinem „unfassbar schlechten“ Casting zur Rosa Sitzung, der schwul-lesbischen Karnevalssitzung.

„Egal ob Nachwuchskünstler oder Coldplay und Oasis – bei uns wird jeder herzlich empfangen“, sagte Michael Zschernak, der seit 2004 die Geschäfte führt. Die familiäre Atmosphäre, die das Gloria bei vielen Künstlern so beliebt macht, prägte auch den Gala-Abend.

Künstler wollen grünen Schatz heben

von

28-Meter-Tisch am Sachsenring soll auf das ungenutzte Potenziual der städtischen Grünflächen aufmerksam machen

in: Kölnische Rundschau, 24. Juli 2017

Köln. Appetitlich glänzen Tomaten, Trauben und Melonen, Wein- und Wasserflaschen funkeln im Licht der warmen Abendsonne: Eine 28 Meter lange Holztafel mit Bänken steht seit Freitagabend auf einem Grünstreifen am Sachsenring. Was dort stattfindet, ist kein privates Picknick, sondern eine Kunstaktion, organisiert vom Team 1 des StadtLabors für Kunst im öffentlichen Raum und der Initiative Stadtoasen. Letztere setzt sich für die Aufwertung städtischer Grünanlagen ein.

Mit der Einladung zum gemeinsamen Abendessen wollen sie auf das ungenutzte Potenzial der Fläche hinweisen – „ein ungehobener grüner Schatz“, sagt Ute Becker von Stadtoasen. Gelegen zwischen Kartäuserwall, Straßenbahntrasse, Ulrepforte und Waisenhausgasse, werde der Abschnitt bislang vorwiegend als „Straßenbegleitgrün“ wahrgenommen.

28-Meter-Tisch soll sechs Monate stehen bleiben

„Ich finde es gut, dass hier einmal etwas Leben hinkommt“, sagt Anwohnerin Christine Kesper (65). Es sei ihr wichtig, dass Orte so gestaltet sind, dass sie den Menschen guttun. Ihre Freundin Karoline Alich (65) pflichtet ihr bei: „Ich kann mir gut vorstellen, dass wir demnächst öfter hier sitzen und selbst etwas mitbringen“, sagt sie.

Uschi Huber vom StadtLabor hat die Veranstaltung initiiert. Sie freut sich, dass die Besucher die Aktion so positiv aufnehmen. „Es gibt viele Grünanlagen in der Stadt, die man mit minimalen Eingriffen aufwerten könnte“, sagt sie. Am Sachsenring zum Beispiel könne man die trennende Straße Richtung Ring verlegen und so einen zusammenhängenden kleinen Stadtpark schaffen. Die lange Holztafel sei daher nicht nur eine Einladung zu einem geselligen Abend. Sie solle den Bürgern eine Möglichkeit geben, die Fläche zu nutzen und selbst zu gestalten.

Der lange Holztisch wird in den kommenden sechs Monaten an seinem Platz am Sachsenring bleiben. Ab Herbst sollen dort dann weitere Aktionen stattfinden. Eine Radfahrerin, die zufällig auf die Aktion aufmerksam wird, sagt: „Ich bin begeistert!“ – und dürfte damit die Stimmung der meisten Gäste auf den Punkt gebracht haben.

Ein Stück Rock- und TV-Geschichte

von

Museum Ludwig: WDR-Dokumentation blickt zurück auf 40 Jahre „Rockpalst-Nacht“

in: Kölnische Rundschau, 23. Juli 2017

Köln. Essen, April 1979. 10 000 Zuschauer bringen die Grugahalle beinahe zum Platzen. Die vierte Ausgabe der „Rockpalast-Nacht“ war der Durchbruch für die junge Live-Sendung rund um Rockmusik. Sängerin Patti Smith war, sichtlich berauscht, nicht mehr in der Lage, den Moderatoren Alan Bangs und Alfred Metzger ein Interview zu geben – was diese jedoch nicht aus der Fassung brachte. „I’ve lost my mind in Essen“, sagte Smith damals, und so lautet auch der Titel einer 60-minütigen WDR-Dokumentation, die das Filmforum im Museum Ludwig jetzt vorab zeigte.

Der titelgebende Ausschnitt macht klar: Bei der mehrstündigen Live-Sendung ließ sich kaum etwas kontrollieren. Mitch Ryder etwa ärgerte es, dass er erst spät nachts auftreten und noch vor der Show interviewt werden sollte. Die Wartezeit füllte er mit reichlich alkoholischen Getränken. Auch bei solchen Eskapaden blieben die Moderatoren cool.

U2 kamen durch Rockpalast-Auftritt zu Weltruhm

Der Autor des Films Oliver Schwabe zeichnet anhand von Interviews und Archiv-Material die Geschichte der Kult-Sendung nach, von der ersten „Rockpalast-Nacht“ 1977 bis zur letzten Ausgabe 1986. Viele Bands kamen nach dem Auftritt in der europaweit ausgestrahlten Sendung erst richtig groß raus. U2 zum Beispiel traten 1983 beim „Rockpalast-Loreley-Festival“ auf, wenig später kamen sie zu Weltruhm. In der Dokumentation berichten einige der Musiker von ihren Auftritten, darunter Wolfgang Niedecken, Mother’s Finest, Billy Gibbons von ZZ Top und Stewart Copeland von The Police.

Auch die „Rockpalast“-Macher kommen zu Wort. Sie schildern mit viel Witz und Selbstironie, was für ein Abenteuer die neuartige Sendung war – auch für den Sender WDR, der ihnen viele Freiheiten ließ. Der Film ist, ohne dies explizit zu thematisieren, auch eine Hommage an Rockpalast-Erfinder Peter Rüchel, der in diesem Jahr 80 Jahre alt wurde. Die Dokumentation fängt den anarchischen Geist des „Rockpalast“ ein, ohne Macher und Musiker zu glorifizieren.

Interne Konflikte kommen ebenso zur Sprache wie die Tatsache, dass Mitte der 1980er Jahre die Zeit der langen Rock-Nächte vorbei war. Das Format „Rockpalast“ existiert jedoch noch heute. Zu Beginn des Filmprojekts sei er skeptisch gewesen, erzählte Peter Rüchel im Gespräch nach der Vorführung des Dokumentarstreifens. Vom Ergebnis aber sei er wirklich begeistert.

Späte Ehrung für eine starke Frau

von
Familiengrab von Louise Straus-Ernst erhält Inschrift
in: Kölnische Rundschau, 26. Juni 2017

Köln. Eben noch von einem schwarzen Tuch mit weißem Davidstern verhüllt, zeigt der Grabstein nun folgende Inschrift: „Dr. Luise Straus-Ernst, geb. 2.12.1893 in Köln, ermordet 1944 in Auschwitz“. Es war eine feierliche Zeremonie, die da am Sonntag auf dem jüdischen Friedhof in Bocklemünd in Gedenken an die Kunsthistorikerin, Journalistin und Künstlerin stattfand. Ihr Name ziert jetzt als vierter das Familiengrab, in dem bereits Luises Vater Jakob, Mutter Charlotte und ihr Bruder Richard begraben sind.

Erste Ehefrau von Max Ernst

Die Initiative für die in Stein gemeißelte Ehrung ging aus von Amy Ernst, Luises Enkelin und selbst als Künstlerin in den USA tätig. „Ich habe sie nie gekannt, aber mein Vater sagte immer, dass ich meiner Großmutter sehr ähnlich sei“, erzählt sie. Mit der Enthüllung das Grabsteins könne ihre Großmutter nun Ruhe bei ihrer Familie finden.

Luise Straus-Ernst war die erste Ehefrau des Surrealisten Max Ernst, nach vier Jahren trennte sich das Paar. Die gemeinsame Wohnung wurde schnell zum Zentrum der dadaistischen Bewegung in Köln.

1917 hatte Luise als erste Frau an der Uni Bonn in Kunstgeschichte promoviert. In demselben Jahr kuratierte sie eine Ausstellung im Wallraf-Richartz-Museum über Kriegsdarstellungen – die Schau zeigte die Schrecken des Krieges, wurde jüngst rekonstruiert und ist aktuell erneut dort zu sehen.

Rezitatorin liest aus Straus-Ernst Leben vor

Bei der Zeremonie in der Trauerhalle des jüdischen Friedhofs las Ute Remus, Autorin und Rezitatorin, aus „Nomadengut“, den Lebenserinnerungen von Luise Straus-Ernst. Diese beschreibt darin ihre Zeit im französischen Exil, ihr banges Warten auf ein Visum für die USA, ihre Einsamkeit, ihre Angst. Deutlich wurden jedoch auch ihre innere Stärke und ihr Versuch „aus dem Jetzt so viel Gewinn wie möglich zu ziehen“.

Dr. Jürgen Pech, wissenschaftlicher Leiter am Max Ernst Museum in Brühl, trug im Anschluss eine fiktive Geschichte der Autorin über Albrecht Dürer vor, in der es um Enttäuschung und Hoffnung ging. Auch Luise habe bis zum Schluss gehofft, dem Konzentrationslager doch noch zu entgehen. Die starke Frau war jedoch eigensinnig: Das Angebot von Max Ernst etwa, sie erneut zu heiraten, um ein Visum zu erhalten, schlug sie stolz aus. 1980 begann die Wiederentdeckung der vielseitigen Künstlerin, die in der Weimarer Republik auch Reden für Konrad Adenauer geschrieben hatte. „In ihrem Werk gibt es noch viel zu entdecken“, sagt Dr. Jürgen Pech.

Verständnis für Herrn Schulz

von
Martin Häusler präsentiert Buch über den Kanzlerkandidaten

in: Kölnische Rundschau, 24. Juni 2017

Köln. Ende Januar zeigte der Spiegel Martin Schulz als „Sankt Martin“ – der Beginn des Hypes um den SPD-Kanzlerkandidaten. Kurz darauf begann der Journalist Martin Häusler mit seinem Buch „Verstehen Sie Schulz“, das er jetzt in der Buchhandlung Blücherstraße vorstellte. „Ich wollte keine weitere Schulz-Biographie verfassen“, sagte er.

Es sei ihm um die Psychologie des Familiensystems gegangen, um die „formgebenden Kräfte“ – dazu sprach er mit Schulz, mit dessen Geschwistern, Weggefährten, aber auch Psychologen und Psychoanalytikern. Eine zentrale Rolle bei den Recherchen spielte Walter Schulz, der ältere Bruder des Kandidaten und selbst SPD-Politiker in Köln. Im Dialog mit dem Autor gab er den Zuhörern Einblicke in die Familiengeschichte.

Überforderung trieb Schulz in die Alkoholsucht

Die erfuhren, wie traumatisch der plötzliche Tod des Großvaters für die Familie gewesen sei – nur anderthalb Tage nach der Geburt von Martin Schulz, der dann dessen Vornamen erhielt. Prägend auch die dominante Mutter, Adenauer-Fan und verhinderte Politikerin, die nichts mehr liebte als hitzige politische Debatten am Essenstisch, während der Vater lieber Musiker als Polizist geworden wäre. Lange habe Martin Schulz mit seinem unausgesprochenen „Familienauftrag“ gerungen, die verpassten Möglichkeiten der Eltern zu verwirklichen.

Die resultierende Überforderung habe ihn in die Alkoholsucht getrieben, von der er sich nach einem Klinikaufenthalt befreien konnte. Das Bild, das Häusler von Martin Schulz entwirft, ist überzeugend und facettenreich, nur nicht immer ganz frei von Pathos. Um Wahlkampf gehe es ihm nicht mit dem Buch, so Häusler, sondern darum, Martin Schulz in seinem Werden verständlicher zu machen. Als Walter Schulz erzählt, wie wichtig dem Bruder Familie, Heimatstadt und Austausch mit den Menschen seien, fügte sich das in die vorherigen Schilderungen – so ein bisschen Wahlkampf war es am Ende aber dann doch.

Solidarität mit London

von

1500 Menschen gedachten der Opfer und zeigten Flagge für Europa

in: Kölnische Rundschau, 5. Juni 2017

Köln. Zu Beginn wurde es ganz leise. Die pro-europäische Demonstration „Pulse of Europe“ begann ihre Veranstaltung am Sonntag auf dem Roncalliplatz mit einer Schweigeminute für die Opfer der Terrorangriffe in London. In der Nacht zuvor waren auf der London Bridge und am Borough Market mindestens sieben Menschen getötet worden.

Auf Grund der bevorstehenden Parlamentswahlen sollte Großbritannien ohnehin Thema der 13. Kundgebung in Köln sein. Anja Siepmann, die gemeinsam mit Uwe Bröcking moderierte, warnte davor, auf den Terrorismus mit totalitärem Denken zu reagieren.

Anschließend lauschten die etwa 1500 Teilnehmer den Rednern auf der offenen Bühne. Willi Does, Vorsitzender von Emmaus Europa, bekräftigte: „Wir sind der Pulsschlag Europas“, wies gleichzeitig aber darauf hin, dass „wir den Zugang nach Europa oft nicht zulassen“. Er forderte eine „solidarische Ökonomie“ und ein „Europa für alle“.

„Die freieste Generation, die je gelebt hat“

Gabriel Baunach hob in seiner Rede darauf ab, dass sich seine Generation – die 20- bis 30-Jährigen – bislang zu wenig für die europäischen Werte einsetze. „Wir sind die freieste Generation, die je gelebt hat“, sagte er und schloss mit der Frage: „Wissen wir eigentlich, wie gut es uns geht?“

Die Kundgebung findet seit Mai nicht mehr wöchentlich, sondern jeweils am ersten Sonntag des Monats statt. Am Sonntag waren deutlich weniger Menschen gekommen als zuvor. „Vielleicht hat das mit dem neuen Termin oder den Pfingstferien zu tun“, sagt Heidi Unkelbach. Sie finde es nach wie vor wichtig, teilzunehmen:

„Da kann die schweigende Masse einmal zeigen, wie viele sich für Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit einsetzen.“ Und auf die Frage, warum sie gekommen sei, antwortet eine 80-Jährige: „Ich habe den Zweiten Weltkrieg voll miterlebt. Jetzt fragen Sie mich nochmal, warum ich heute hier bin.“

Groẞstadtstille

von

in: KölnerLeben, Juni/Juli 2017

Zum Stadtbezirk Mülheim gehört das Veedel Dünnwald. Dort sind Vergangenheit und ehrenamtliches Engagement sehr vital.

Wer sich mit dem Stadtteil im Nordosten der Stadt befasst, dem begegnet die Geschichte auf Schritt und Tritt: Die Anfänge gehen zurück auf eine Klostergründung im Jahr 1117, sodass Dünnwald in diesem Jahr sein 900-jähriges Bestehen feiert. Der hier beheimatete Wildpark ist Anziehungspunkt und Naherholungsgebiet, auch für viele Besucher aus Köln und Umgebung. An schönen Wochenenden besuchen zahlreiche junge und alte Spaziergänger die Tiere, füttern Wildschweine und Damwild und betrachten staunend die vom Aussterben bedrohten Wisente. Gefragt, was Dünnwald für sie ausmache, antwortet eine 68-jährige in Dünnwald wohnende Besucherin entschieden: „Die Großstadtstille!“

Das Waldbad Dünnwald liegt gleich neben Wildpark, Campingplatz und Minigolfanlage. Auch hier tauchen Besucher in die Geschichte ein. 1923 gegründet, ist es bis heute das älteste – und einzige – Kölner Schwimmbad in privater Trägerschaft. In den Sommermonaten kühlen sich die Schwimmer in den Becken ab. Immer wieder spielen dort Kölschrock-Bands wie die Brings und die Bläck Fööss, und der Biergarten ist bei gutem Wetter ein beliebter Treffpunkt für Jung und Alt.

Generationen verbinden, Netzwerkarbeit verstärken

Ein Blick in die Statistik zeigt: In Dünnwald wohnen überdurchschnittlich viele unter 18-Jährige und gleichzeitig überdurchschnittlich viele Menschen, die älter als 65 Jahre alt sind. Die „Alteingesessenen“ leben oft seit mehreren Generationen in dem rechtsrheinischen Stadtteil. „Wir bemühen uns daher sehr um generationenverbindende Angebote“, sagt Pater Ralf Winterberg, Sozialpädagoge und Priester der Gemeinde Heilige Familie Dünnwald-Höhenhaus. Bei ihm laufen viele Fäden im Veedel zusammen. Eine seiner wichtigsten Aufgaben sei es, die zahlreichen Initiativen miteinander zu vernetzen.

Bei der von Bürgerinnen und Bürgern getragenen Flüchtlingshilfe etwa funktioniere das sehr gut, sagt Pater Ralf. Sie erhalte von der Gemeinde Räume, Autos, und neben Geld auch Hilfe bei der Koordination der Ehrenamtler. Freiwillige Helfer sind es auch, die das „BringMich“-Mobil der Gemeinde betreiben. Dünnwalder, die selbst nicht mehr mobil sind, können den Fahrdienst kostenlos nutzen. Allerdings sei der Zuspruch eher verhalten, sagt Pater Ralf. Das liege möglicherweise auch daran, dass Interessierte sich einige Tage im Voraus melden müssen.

„Eine intensive Netzwerkarbeit wäre insbesondere für das Quartier Donewald wichtig“, erzählt Gerhard Still, Geschäftsführer der Christlichen Sozialhilfe Köln. Dort wohnen vor allem Senioren und Familien mit Kindern. Für sie bietet die 1996 auf der grünen Wiese gebaute Siedlung kaum Infrastruktur. Arztpraxen oder auch nur ein Lebensmittelgeschäft sucht man dort vergebens. Eine Eisenbahnlinie trennt Donewald vom übrigen Dünnwald und wirkt wie eine Grenze. Hier gelte es, Brücken zu bauen, gerade für ältere Menschen. Eine Stelle für seniorenbezogene Quartiersarbeit sei zwar bereits finanziert, aber derzeit vakant.

Erfolgreiches Engagement von Jung und Alt

Ein Beispiel für gelingende Stadtteilarbeit ist das Café „mittendrin“, zentral an der Berliner Straße gelegen. Unter dem Slogan „Butterbrote und Begegnung“ gründeten vor acht Jahren engagierte Dünnwalder Bürger mit Unterstützung der örtlichen katholischen und evangelischen Kirchengemeinden die Begegnungsstätte. Heute sind etwa 40 Ehrenamtler, die meisten von ihnen älter als 65 Jahre, dort regelmäßig aktiv. Im Café treffen sich die Generationen, die älteren Dünnwalder regelmäßig auch zu Gesprächskreisen, Trauergruppe oder Tanzkurs. „Wir haben hier wirklich eine bunte Mischung an Leuten“, sagt Ehrenamtsentwickler Burkhard Brücker, der das Café leitet und die Helfer koordiniert.

Seit 2014 gibt es eine Demenz-Wohngemeinschaft in Dünnwald. Senioren werden hier von einem Pflegedienst ambulant betreut, nach dem Motto „nicht allein und nicht ins Heim“. Ins Leben gerufen hat das Wohnprojekt die Antoniter Siedlungsgesellschaft (ASG) des evangelischen Kirchenverbands Köln und Region. Eine auf alternative Wohnformen spezialisierte Agentur hilft bei rechtlichen und organisatorischen Fragen. Eine Besonderheit der Demenz-WG: Die Angehörigen der momentan acht Bewohner gestalten das Projekt intensiv mit, haben Mitspracherecht bei allen Fragen rund um Betreuung und Versorgung ihrer Verwandten.

Doch auch die Jungen sind aktiv in Dünnwald. Markus Wernet, 25, kam eher aus Zufall mit dem nordöstlichen Stadtteil in Berührung. Als der technikbegeisterte Student erfuhr, dass das 1929 errichtete Bahn-Stellwerk an der Rönsahler Straße stillgelegt ist, entschloss er sich, dort ein Museum für Eisenbahntechnik zu errichten – das erste in Deutschland. „Wir wollen unsere Begeisterung für die Technik weitergeben“, erläutert Wernet. Das Museumsprojekt und die örtlichen Initiativen zeigen: Nach 900 Jahren ist die Geschichte Dünnwalds noch längst nicht zuende.

Der Kultur auf der Spur

von

in: Kölnische Rundschau, 21. Mai 2017

Köln. In der Sonne glitzern die Sandkörnchen, die im Wasser der schwarzen Waschschüssel umherwirbeln. „Wenn man das richtig macht, werden die Sandkörner getrennt und alle schwereren Teilchen sinken nach unten“, erklärt Dr. Rolf Hollerbach vom GeoMuseum der Universität, während er die Waschschüssel in das große, rote Becken taucht und die Technik demonstriert.

Am Paula-Kleinmann-Weg sind Kinder und Eltern auf Schatzsuche, aus dem gewaschenen Sand picken sie mit einer Pinzette die wertvollen Materialien heraus, Goldkörnchen und kleine Edelsteine.

„Ich hatte auf einem Plakat von der Aktion gelesen“, sagt Manuel Amian (38). Seine Kinder Peer (5) und Romi (7) schwenken die Waschschüssel wie die Goldschürfer im Wilden Westen. „Ich habe zu Hause eine Edelsteinsammlung“, erzählt Romi stolz – und freut sich, dass sie ihre Fundstücke mitnehmen darf.

Die Goldsuche war eine der vielen Aktionen, die es am Sonntag beim 21. Museumsfest zu entdecken gab. Mehr als 20 Kölner Museen öffneten unter dem Motto „Spurensuche. Mut zur Verantwortung“ ihre Türen für die Besucher. Anlässlich des Internationalen Museumstags boten sie Sonderführungen durch die Ausstellungen, Vorträge, aber vor allem viele Mitmachaktionen für die ganze Familie.

Im Museum für Ostasiatische Kunst etwa drehte sich alles rund um die Seide. „Wir erklären , wie aus dem Kokon der Seidenraupe der Stoff entsteht“, sagt Museumspädagogin Irene Ellegiers. „Aber natürlich können hier Jung und Alt auch selbst aktiv werden.“ Beim Origami, der japanischen Kunst des Papierfaltens, erstellten Pänz und ihre Eltern etwa bunte Schmetterlinge und Dosen. „Darin werden die Seidenfäden des Kimonos aufbewahrt, nachdem sie fürs Reinigen der Kleidung entfernt worden sind“, erläutert Ellegiers. „Ich liebe Basteln“, sagt Katharina (7), die mit ihrer Oma in das Museum am Aachener Weiher gekommen ist und gerade an einer Kimonopuppe arbeitet.

Die Kinder konnten dort auch ausprobieren, wie es sich anfühlt, die traditionelle Seidenrobe einmal selbst zu tragen. Beim richtigen Anziehen half Hôkô Tokoro, eine Flechtmeisterin aus Japan. So wurden Geschichte und Kultur beim Museumsfest auf vielfache Weise spürbar.

– Quelle: http://www.rundschau-online.de/26942104 ©2017