David Korsten
Autor und Journalist

#Veedel

Insel mit Aussicht

von

in: KölnerLeben, August/September 2017

Einige Kinder spielen mit Schaufel und Eimer im Sand, andere erklimmen den Leuchtturm. Ein Junge und ein Mädchen jauchzen, während sie auf der Robbenwippe auf- und niedersausen. Der neu gestaltete Spielplatz am Hartenfelsweg gleicht einer Strandlandschaft – seit April dieses Jahres tummeln sich dort Kinder und Jugendliche, auf der Boule-Bahn spielen vor allem die Älteren. Auch auf dem Spielplatz am Pingenweg ist seit dem Frühjahr mehr Platz zum Tollen und Toben. Besonderes Highlight: Eine 30 Meter lange Seilbahn.

Die modernisierten Spielplätze sind zwei von elf Projekten, die im Zuge des so genannten „Integrierten Handlungskonzepts“ (IHK) für Lindweiler umgesetzt werden. Den Beschluss fasste der Rat Ende 2014. Bis zum Start verging allerdings ein Jahrzehnt: Bereits 2004 war sich die Bezirksvertretung Chorweiler einig, dass in Lindweiler etwas geschehen muss.

Zwei Seniorenclubs, aber keine Sparkasse

Kennzeichnend für Lindweiler ist seine „Insellage“: Die südliche Grenze ist die A1, im Westen verläuft die A57, im Norden der Chorweiler Zubringer, und im Osten trennt die Eisenbahnlinie nach Düsseldorf den Stadtteil von Heimersdorf ab. Die etwa 3.500 Einwohner leben je zur Hälfte in Mietwohnungen rund um die Ortsmitte Marienberger Hof sowie in den umliegenden Einfamilienhäusern, in letzteren vorwiegend ältere Menschen. Für sie gibt es im Haus Baden auch einige Altenwohnungen.

Zwei Seniorenclubs begegnen sich regelmäßig im Lindweiler Treff der Diakonie. „Zur Begrüßung singen wir immer ein Lied, dann spielen wir Karten, Bingo oder ‚Mensch ärgere Dich nicht‘“, erzählt Inge Zeitel vom Seniorennetzwerk Lindweiler, die die Gruppen leitet. Zum Treffen am Mittwoch bzw. Freitag kommen jeweils etwa 20 Personen, machen Gymnastik und Gedächtnistraining, und bei Kaffee und Kuchen plauschen die Senioren in geselliger Runde. Inge Zeitel kennt daher auch die Probleme der Älteren in Lindweiler genau: „Früher gab es mal eine Sparkasse“, sagt sie. Jetzt ist dort ein Kiosk. Auch eine Postfiliale vermissten viele der Älteren und eine Apotheke suche man vergeblich. „Wer nicht mehr Auto fahren kann, für den ist das schon ziemlich umständlich“, sagt Zeitel.

Von den Alltagsproblemen insbesondere der älteren Bevölkerung berichtet auch Hans-Jürgen Brause. Er vertritt die Bürger Lindweilers im Veedelsbeirat, der im Zuge des IHK ins Leben wurde. Dort können die Bürger Fragen stellen und Bedürfnisse äußern. „Viele wünschen sich kürzere Wege im Alltag“, sagt er. Es gebe zwar einen kleinen Supermarkt in der Ortsmitte, doch für alles andere müssten die Lindweiler einige Kilometer mit dem Bus oder dem Fahrrad in die angrenzenden Stadtteile fahren, nach Pesch, Chorweiler oder Longerich.

Die Ortsmitte rund um den Marienberger Hof soll ebenfalls neugestaltet werden. „Es gibt dort viel Leerstand“, sagt Vanessa Weller, Projektkoordinatorin für Lindweiler beim Amt für Stadtentwicklung und Statistik. Das kleine Zentrum soll attraktiver werden, einen neuen Bodenbelag und Sitzgelegenheiten erhalten. „Die Fertigstellung ist für 2019 geplant“, sagt Weller. Damit verbinden die Planer die Hoffnung, dass sich wieder mehr Geschäfte in Lindweiler ansiedeln.

„Da mache ich mir aber keine Illusionen“, sagt Hans-Jürgen Brause vom Veedelsbeirat. „Hier leben einfach zu wenige Leute. Für Unternehmen rechnet sich das möglicherweise nicht.“ Dennoch gehe es kleinen Schritten voran, sagt er. So seien etwa die garagengroßen Stromhäuschen künstlerisch gestaltet worden. „Das kostet nicht viel, ist aber wichtig für eine höhere Lebensqualität.“ Sichtbare Veränderungen zeigten den Bürgern, dass sich das gemeinsame Engagement lohnt.

Lino-Club für alle Generationen

„Mit den Mitteln aus dem Integrierten Handloungskonzept haben wir im Juni auch das Stadtteilfest zum 40-jährigen Jubiläum Lindweilers finanziert“, sagt Angelika Klauth. Sie ist zuständig für das soziale Quartiersmanagement in Lindweiler, und gemeinsam mit Hans-Josef Saxler leitet sie den Lino-Club. Das Kinder- und Jugendzentrum selbst soll schrittweise zu einem generationenübergreifenden Bürgerzentrum ausgebaut werden, mit dem Beschluss des Landes NRW rechnet die Stadt Ende 2017. „Man braucht schon einen langen Atem“, sagt Saxler. „Aber wenn Bands wie Pelemele oder Kasalla hier bei uns im Zirkuszelt auftreten, zieht das auch Menschen aus anderen Stadtteilen an“, sagt Klauth mit Blick auf die Veranstaltungen in Lindweiler. Für den Austausch über Veedelsgrenzen hinweg müsse man schon etwas tun, sind sich die beiden einig. „So kann aus dem Nebeneinander ein Miteinander werden“, sagt Saxler. In Lindweiler ist von Resignation keine Spur, und nach der langen Zeit des Wartens und des Nachhakens kommt allmählich Bewegung ins Veedel. Und das sind doch recht positive Aussichten für die „Insel“ Lindweiler.

Groẞstadtstille

von

in: KölnerLeben, Juni/Juli 2017

Zum Stadtbezirk Mülheim gehört das Veedel Dünnwald. Dort sind Vergangenheit und ehrenamtliches Engagement sehr vital.

Wer sich mit dem Stadtteil im Nordosten der Stadt befasst, dem begegnet die Geschichte auf Schritt und Tritt: Die Anfänge gehen zurück auf eine Klostergründung im Jahr 1117, sodass Dünnwald in diesem Jahr sein 900-jähriges Bestehen feiert. Der hier beheimatete Wildpark ist Anziehungspunkt und Naherholungsgebiet, auch für viele Besucher aus Köln und Umgebung. An schönen Wochenenden besuchen zahlreiche junge und alte Spaziergänger die Tiere, füttern Wildschweine und Damwild und betrachten staunend die vom Aussterben bedrohten Wisente. Gefragt, was Dünnwald für sie ausmache, antwortet eine 68-jährige in Dünnwald wohnende Besucherin entschieden: „Die Großstadtstille!“

Das Waldbad Dünnwald liegt gleich neben Wildpark, Campingplatz und Minigolfanlage. Auch hier tauchen Besucher in die Geschichte ein. 1923 gegründet, ist es bis heute das älteste – und einzige – Kölner Schwimmbad in privater Trägerschaft. In den Sommermonaten kühlen sich die Schwimmer in den Becken ab. Immer wieder spielen dort Kölschrock-Bands wie die Brings und die Bläck Fööss, und der Biergarten ist bei gutem Wetter ein beliebter Treffpunkt für Jung und Alt.

Generationen verbinden, Netzwerkarbeit verstärken

Ein Blick in die Statistik zeigt: In Dünnwald wohnen überdurchschnittlich viele unter 18-Jährige und gleichzeitig überdurchschnittlich viele Menschen, die älter als 65 Jahre alt sind. Die „Alteingesessenen“ leben oft seit mehreren Generationen in dem rechtsrheinischen Stadtteil. „Wir bemühen uns daher sehr um generationenverbindende Angebote“, sagt Pater Ralf Winterberg, Sozialpädagoge und Priester der Gemeinde Heilige Familie Dünnwald-Höhenhaus. Bei ihm laufen viele Fäden im Veedel zusammen. Eine seiner wichtigsten Aufgaben sei es, die zahlreichen Initiativen miteinander zu vernetzen.

Bei der von Bürgerinnen und Bürgern getragenen Flüchtlingshilfe etwa funktioniere das sehr gut, sagt Pater Ralf. Sie erhalte von der Gemeinde Räume, Autos, und neben Geld auch Hilfe bei der Koordination der Ehrenamtler. Freiwillige Helfer sind es auch, die das „BringMich“-Mobil der Gemeinde betreiben. Dünnwalder, die selbst nicht mehr mobil sind, können den Fahrdienst kostenlos nutzen. Allerdings sei der Zuspruch eher verhalten, sagt Pater Ralf. Das liege möglicherweise auch daran, dass Interessierte sich einige Tage im Voraus melden müssen.

„Eine intensive Netzwerkarbeit wäre insbesondere für das Quartier Donewald wichtig“, erzählt Gerhard Still, Geschäftsführer der Christlichen Sozialhilfe Köln. Dort wohnen vor allem Senioren und Familien mit Kindern. Für sie bietet die 1996 auf der grünen Wiese gebaute Siedlung kaum Infrastruktur. Arztpraxen oder auch nur ein Lebensmittelgeschäft sucht man dort vergebens. Eine Eisenbahnlinie trennt Donewald vom übrigen Dünnwald und wirkt wie eine Grenze. Hier gelte es, Brücken zu bauen, gerade für ältere Menschen. Eine Stelle für seniorenbezogene Quartiersarbeit sei zwar bereits finanziert, aber derzeit vakant.

Erfolgreiches Engagement von Jung und Alt

Ein Beispiel für gelingende Stadtteilarbeit ist das Café „mittendrin“, zentral an der Berliner Straße gelegen. Unter dem Slogan „Butterbrote und Begegnung“ gründeten vor acht Jahren engagierte Dünnwalder Bürger mit Unterstützung der örtlichen katholischen und evangelischen Kirchengemeinden die Begegnungsstätte. Heute sind etwa 40 Ehrenamtler, die meisten von ihnen älter als 65 Jahre, dort regelmäßig aktiv. Im Café treffen sich die Generationen, die älteren Dünnwalder regelmäßig auch zu Gesprächskreisen, Trauergruppe oder Tanzkurs. „Wir haben hier wirklich eine bunte Mischung an Leuten“, sagt Ehrenamtsentwickler Burkhard Brücker, der das Café leitet und die Helfer koordiniert.

Seit 2014 gibt es eine Demenz-Wohngemeinschaft in Dünnwald. Senioren werden hier von einem Pflegedienst ambulant betreut, nach dem Motto „nicht allein und nicht ins Heim“. Ins Leben gerufen hat das Wohnprojekt die Antoniter Siedlungsgesellschaft (ASG) des evangelischen Kirchenverbands Köln und Region. Eine auf alternative Wohnformen spezialisierte Agentur hilft bei rechtlichen und organisatorischen Fragen. Eine Besonderheit der Demenz-WG: Die Angehörigen der momentan acht Bewohner gestalten das Projekt intensiv mit, haben Mitspracherecht bei allen Fragen rund um Betreuung und Versorgung ihrer Verwandten.

Doch auch die Jungen sind aktiv in Dünnwald. Markus Wernet, 25, kam eher aus Zufall mit dem nordöstlichen Stadtteil in Berührung. Als der technikbegeisterte Student erfuhr, dass das 1929 errichtete Bahn-Stellwerk an der Rönsahler Straße stillgelegt ist, entschloss er sich, dort ein Museum für Eisenbahntechnik zu errichten – das erste in Deutschland. „Wir wollen unsere Begeisterung für die Technik weitergeben“, erläutert Wernet. Das Museumsprojekt und die örtlichen Initiativen zeigen: Nach 900 Jahren ist die Geschichte Dünnwalds noch längst nicht zuende.

Engagiertes Dorf mit Domblick

von

in: KölnerLeben, Februar/März 2017

In dieser Serie stellt KölnerLeben je ein Veedel aus jedem der neun Stadtbezirke vor. Betrachtet wird dessen Lebensqualität besonders für ältere Menschen. Den Auftakt macht Deutz. Wer hier den Blick auf Orte jenseits von Bahnhof und Rheinboulevard lenkt, findet ein lebendiges Quartier, in dem sich seine Anwohner vielfältig für ihr Viertel einsetzen. Weiterlesen