in: KölnerLeben, Juni/Juli 2016

Flohmärkte laden zum entspannten Bummel ein, bringen Spaß am Feilschen und stehen für ein besonderes Lebensgefühl. Vor allem in Frühjahr und Sommer vertrödeln die Kölnerinnen und Kölner dort gerne ihre Wochenenden.

Spätestens zur Mittagszeit wimmelt der Parkplatz am Kölner Südstadion von Menschen: Schnäppchenjäger und  Schatzsucher, Flaneure und Familien, Studenten und Rentner trödeln durch die Reihen, von einem Stand zum nächsten. Mit gesenkten Köpfen betrachten sie Vasen, Porzellanteller, Gläser, stöbern in Bücherkisten oder suchen nach besonderen Stücken für Wohnung, Eigenheim und Garten. Andere lassen sich vom Duft nach Kaffee und Kuchen verführen, gönnen sich einen Teller Erbsensuppe oder eine Bockwurst mit Brötchen. Frühlingszeit ist Flohmarktzeit.

Beim Kölner Südstadt Flohmarkt bringen mehr als 300 Händler Antikes, Gebrauchtes und Raritäten an die Frau und den Mann, die meisten von ihnen Privatleute. Sie nutzen den Frühjahrsputz, um sich von Ausgedientem zu trennen und Platz für Neues zu schaffen – und nebenbei ein paar steuerfreie Euros zu verdienen. Bei schönem Wetter schlendern Tausende Menschen durch die engen Reihen, die Tische sind vollgepackt mit Teppichen, Koffern, Tand und Kitsch. Immer wieder treffen die Trödel-Besucher Bekannte, Freunde und Nachbarn, stehen in Grüppchen zusammen, erzählen von Urlaubsplänen und bestaunen gegenseitig die Fundstücke.  Auf dem Flohmarkt kommt man schnell ins Gespräch. „Hier sind alle per Du“, sagt Jochen, einer der Händler. Früh am Morgen hat sich der Trödel-Profi aus dem Bergischen nach Köln aufgemacht, seinen Stand um halb sieben aufgebaut. Seit 38 Jahren verkauft Jochen Jacken und Mäntel aus zweiter Hand, früher in ganz Deutschland, heute nur noch im Großraum Köln-Düsseldorf. „Jetzt bin ich ja alt“, sagt er, während seine Augen jugendlich funkeln. „Klar, reich wird man mit den ollen Klamotten nicht.“ Dennoch bereue er es keine Sekunde, dass er die Verbeamtung auf Lebenszeit damals gegen das Leben als fahrender Händler eingetauscht hat. Er genieße einfach die Freiheit, das Unterwegssein, den Kontakt mit den Menschen. „Mit manchen Kunden haben sich richtige Freundschaften entwickelt, die kenne ich schon seit etlichen Jahren“, erzählt Jochen.

Unbekannter Ursprung

Wann Flohmärkte entstanden sind, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Der erste fand einer gängigen Version zufolge um 1890 in Frankreich statt. Der Begriff Flohmarkt – Marché aux Puces im Französischen – spiegelt möglicherweise die hygienischen Bedingungen am Ende des 19. Jahrhunderts wider, als sich in den gebrauchten Kleidungsstücken nicht nur deren neue Besitzer, sondern auch die lästigen Parasiten wohlfühlten. Der Markt „Les Puces de Paris Saint-Ouen“, noch heute einer der größten Antiquitäten-Flohmärkte der Welt, sowie der seit 1873 bezeugte Markt auf dem „Place de Jeu de Balle“ in Brüssel kommen ebenfalls als Ur-Flohmarkt in Frage. Inzwischen existieren in vielen Städten der Welt berühmte Märkte, etwa der Naschmarkt in Wien, die Feira da Ladra („Markt der Diebin“) in Lissabon sowie der Portobello Road Market in London.

Nostalgie und Nachbarschaft

Ein Aussteller aus der britischen Hauptstadt verbindet den Antikmarkt auf dem Rudolfplatz mit einem Familienbesuch. Wie andere Händler auch möchte er nicht namentlich genannt werden. Lieber als über sich spricht er über die Drucklettern, die sich in Kästen auf dem Tisch stapeln. „Die wurden früher aus Blei oder Holz hergestellt und tatsächlich zum Buchdruck verwendet“, erklärt er, während er mit einem interessierten Paar die Preise für drei der Druckstempel verhandelt. An anderen Ständen fachsimpeln Besucher und Händler über Grammophone und alte Radios, Liebhaber entdecken Designklassiker aus den 1950er Jahren oder stöbern in den säuberlich beschrifteten Kisten nach Vinylschallplatten ihrer Lieblingsgruppe. Schnäppchen sind hier kaum zu machen, die Preise sind in der Regel deutlich höher als auf „klassischen“ Flohmärkten. Märkte wie der Antik- und Designmarkt auf dem Rudolfplatz und Trödelmärkte sind immer auch Reisen in die Vergangenheit: Was vor Jahrzehnten noch in vielen Haushalten eine alltägliche Funktion hatte, ist heute eine kostspielige Rarität. Beim Betrachten und Entdecken der Alltagsgegenstände empfindet manch älterer Besucher, den man auf dem Trödel fragt, durchaus Nostalgie und erinnert sich an bereits verstorbene Verwandte, einen früheren Wohnort oder die eigene Kindheit.

Heutzutage gibt es viele verschiedene Arten von Märkten, auf denen Gebrauchtes den Besitzer wechselt: Der Ehrenfelder „Nachtkonsum“ zum Beispiel lockt zwischen 17 und 23 Uhr ein eher jüngeres Publikum an. Mit Bierausschank und Live-Musik ist der Nachtflohmarkt mehr Event als Trödel im ursprünglichen Sinne. Bei Familien beliebt sind die Kinderflohmärkte, die inzwischen an vielen Wochenenden in ganz Köln stattfinden. Was die einen an Spielsachen und Kinderkleidung loswerden wollen, nützt den anderen – und kostet nur einen Bruchteil des Neupreises. „Die Kinder wachsen einfach rasend schnell. Wenn wir alles neu kaufen würden, ginge das richtig ins Geld“, sagt Maike, die sich mit ihrem Freund Andy auf dem Kinderflohmarkt im Deutzer Jugendpark nach ein paar Gummistiefeln für ihre 4-jährige Sophia umsieht. Im Juni beginnt in den meisten Kölner Veedeln auch die Hofflohmarkt-Saison. Dann entrümpeln Hausbewohner zusammen mit Nachbarn und Freunden ihre Keller, für die Besucher beginnt die Jagd auf schöne Unikate und Nützliches – oder sie kommen einfach nur zum Klönen vorbei.

Eine kölsche Institution

Ob Familien mit Kindern, Antiquitätensammler, Designliebhaber oder Sparfüchse: Im Kölner Frühling findet jeder den passenden Markt. „Jeder Flohmarkt ist anders, und jeder hat sein eigenes Publikum. Da gibt es keine Konkurrenz“, sagt Annika Steinbrenner, Mitarbeiterin des Veranstalters, der den Kölner Stadt-Flohmarkt organisiert. Der Trödel am Unicenter ist eine Kölner Institution: Er findet jeden Samstag statt, 52 Mal im Jahr. Die 120 Parzellen sind fast immer ausgebucht, außer im Winter. In den Sommermonaten sollten Verkäufer sich einige Wochen im Voraus anmelden. Einen bestimmten Stellplatz reservieren könne man zwar nicht, sagt Steinbrenner, doch auf die Wünsche langjähriger Händler nehme man ganz unbürokratisch vor Ort Rücksicht.

Willi zum Beispiel ist schon seit fast 20 Jahren dabei und heißt eigentlich anders. „Die Leute müssen ja nicht alles von mir wissen“, sagt er lachend. „Ein Euro? Du willst mich wohl arm machen“, sagt er in breitestem Kölsch zu einem Interessenten. Für zwei Euro wechseln am Ende der Verhandlung ein paar Gläser den Besitzer, per Handschlag wird das Geschäft besiegelt. „Wichtig ist, dass man ehrlich ist“, sagt er. Dann kämen die Leute immer wieder. Die Preise, so scheint es, legt er individuell fest, nach Gefühl. „Na gut, nimm mit“, sagt er zu einer ausländischen Kundin, die nur wenig Deutsch spricht und sich teure Sachen nicht leisten kann. Bei einem anderen Kunden bleibt Willi hart: „Nee, Jung, dafür nicht.“ Auf dem Flohmarkt am Unicenter ist das Publikum so bunt gemischt wie das Warensammelsurium: Wer dort flaniert, hört Sprachen aus aller Welt, trifft Menschen aus verschiedenen Ländern – und Händler wie Willi, der inzwischen selbst eine Art Institution ist. Alle paar Minuten begrüßt ihn jemand, seinen Gesprächspartner berührt er freundschaftlich am Arm. Freunde und Bekannte machen an seinem Stand halt, manche bleiben nur auf einen Kaffee, andere verbringen dort den ganzen Vormittag. Fritz, einer von Willis Freunden, bringt Teilchen mit, während seine Frau ihrer „Sammelei“ frönt. Auf die Frage, was sie denn sammle, antwortet er: „Alles, was alt ist.“ Neuware gibt es hier nämlich nicht – „sonst wäre es ja kein Flohmarkt“, meint Willi.