in: KölnerLeben, Februar/März 2016

Lesen bildet, entführt uns in andere Welten, lässt uns mit anderen Menschen fühlen. Gleichzeitig ist es gefährlich und aufregend – und es ermöglicht ein selbstbestimmtes Leben.

Augen tun manchmal etwas Merkwürdiges: Sie bleiben bewegungslos, etwa 0,3 Sekunden lang. So lange braucht ein Boxer ungefähr, um auf den Schlag seines Gegners zu reagieren. Nach diesen drei Zehntelsekunden springen sie ruckhaft nach rechts, bis zum nächsten Anhaltepunkt. In genau diesem Moment haben sie schon an rund 100 solcher Fixationspunkte einen kurzen Stopp eingelegt. Vielleicht springen die Augen jetzt zurück zum letzten Satz mit dem ungewohnten Wort „Fixationspunkte“. Dann geht es wieder nach rechts, und der Ablauf von Anhalten und Weiterspringen wiederholt sich noch etliche Male. Eigentlich tun die Augen gar nichts Merkwürdiges, sondern etwas ganz Alltägliches: sie lesen. Manche Menschen lesen schneller, andere langsamer; das durchschnittliche Lesetempo liegt bei etwa 250 Wörtern pro Minute, Schnellleser schaffen mehr als tausend.

Am Anfang war das Bild

Roman-Klassiker oder 140-Zeichen-Kureznachrichten: Im Grunde lesen wir ständig, auch wenn uns das nicht immer bewusst ist – Straßenschilder und Wegweiser, Werbeplakate und E-Mails, Bedienungsanleitungen und Beipackzettel, Briefe, Postkarten, das Gekritzel an Häuserwänden oder in öffentlichen Toiletten. All diesen Schrift-Zeichen entlocken wir eine Bedeutung. Dazu müssen sich zunächst die Hirnareale, die fürs Sehen, Hören, Sprachverstehen und für motorische Fertigkeiten zuständig sind, immer weiter spezialisieren und zu neuen Netzwerken verknüpfen. Vorlesen, singen und reimen hilft Kindern, diese Verbindungen auszubilden und zu stärken, bis sie schließlich kurze und lange Texte lesen und verstehen.

In der Regel beginnt eine Lesebiografie mit Bilderbüchern und häufig erleichtern Comics den Einstieg in die Welt des Lesens. So war es auch bei Jan Blum: „Mein Bruder ist zehn Jahre älter, der hatte immer diese Lustigen Taschenbücher. Die finde ich heute immer noch total gut. Die greifen ja oft, wenn auch verfremdet, historische Stoffe auf. Den größten Teil meiner Allgemeinbildung verdanke ich Donald Duck und Co.“, sagt der 34-Jährige lachend, der heute beim Duo Schilling & Blum und als Jean La Fleur selbst Cartoons zeichnet. „Fasziniert haben mich am Anfang vor allem die Geschichten, nicht so sehr die Bilder.“

Gefährliche Frauen

Ob Comics oder dickleibiger Wälzer: Heute können die meisten Menschen lesen und schreiben. In Antike und Mittelalter war diese Fähigkeit dem Klerus, dem Adel oder professionellen Schreibern vorbehalten. Das änderte sich erst, nachdem der Mainzer Johannes Gutenberg um 1450 den Buchdruck mit beweglichen Lettern erfunden hatte. Im Verlauf des 18. Jahrhunderts – in der Zeit der Aufklärung und der Französischen Revolution – entstand schließlich mit dem Bürgertum eine neue Gesellschaftsschicht, die las, um sich zu bilden, um politische Ämter zu erlangen und um sich gegenüber dem Adel zu profilieren. Auch Frauen lasen gerne und viel, sie waren Mitglieder in den entstehenden Lesegesellschaften und Leihbibliotheken. Sie bevorzugten die unterhaltende Belletristik, während Männer hauptsächlich Zeitungen, politische Bücher, Sachbücher oder Ritter- und Abenteuerromane lasen.

Diese Geschlechterunterschiede existieren im Prinzip bis heute fort. „Mit der feministischen Literaturwissenschaft kann man sagen: Frauen lesen anderes und anders“, sagt Professor Norbert Groeben, Kulturpsychologe und Literaturwissenschaftler an der Universität Heidelberg. „Männer lesen eher analytisch und häufiger Sachtexte. Frauen lesen überwiegend fiktionale Texte, und zwar mehr im Hinblick auf die eigene Realität, gewissermaßen als Probe für das eigene Handeln. Das gilt nicht unbedingt für den Einzelfall, aber für den statistischen Durchschnitt.“ Frauen, die lesen, galten in der Vergangenheit aber auch als gefährlich. Autor Stefan Bollmann hat zahlreiche Bücher dazu veröffentlicht. Er hat herausgearbeitet, wie sich Frauen auf dem Weg des Lesens Wissen und Erfahrungen angeeignet und dadurch immer größere Freiheiten errungen haben. Die gefühlte Bedrohung ging dabei von den Gedanken aus, die in den Texten steckten und die die von Männern beherrschten Verhältnisse ein ums andere Mal ins Wanken brachten.

Brennender Hass, freies Denken

Um die Sprengkraft des eigenständigen Denkens wissen die Mächtigen der Welt seit eh und je. Immer wieder versuchen sie, besonders bedrohlich scheinende Schriften mittels Zensur unschädlich zu machen: Die Bücherverbrennung als eine ihrer radikalsten Formen hat eine lange Geschichte, vom römischen Kaiser Diokletian über die Inquisition im Mittelalter bis hin zur nationalsozialistischen „Aktion wider den undeutschen Geist“. Letztere fand ihren Tiefpunkt, als die neuen Machthaber am 10. Mai 1933 in 22 deutschen Städten zahlreiche Bücher den Flammen zum Fraß vorwarfen. Auch in Köln brannten – wetterbedingt mit einer Woche Verspätung – die Werke Bertolt Brechts, Bertha von Suttners und vieler anderer Autorinnen und Autoren. Denn das eigenständige, selbstbestimmte, freie Denken steht dem Hass und der vorgegebenen Meinung, wie sie die Nazi-Diktatur in besonders krasser Weise hervorbrachte, entgegen. Und dafür ist, nach unserem westlichen Demokratieverständnis, „das Lesen immer noch und immer mehr eine Schlüsselkompetenz“, erläutert Wissenschaftler Groeben. „Dahinter steckt die Idee des menschlichen, selbstbestimmten Subjekts, das mit dem Lesen Teilhabe an der modernen Mediengesellschaft verwirklichen kann.“

Gesellschaftliche Teilhabe kann auch bedeuten, sich bewusst politisch zu engagieren. Das taten viele im Zuge der 68er-Bewegung. Bei Hildegard Jahn-Schnelle, Vorsitzende des Bürgervereins Köln-Müngersdorf und studierte Soziologin, ging es damals vor allem um kirchenpolitische Themen. „Wir haben beispielsweise für eine größere Offenheit und eine stärkere Demokratisierung der katholischen Kirche demonstriert“, erinnert sie sich. Die kirchenkritische Wochenzeitung „Publik“, ihre Nachfolgerin „Publik-Forum“, der „Spiegel“ und Autoren wie Heinrich Böll und Günter Grass hätten dabei eine große Rolle gespielt. „Auf diese Texte haben wir uns gestürzt – weniger aus literaturwissenschaftlichem Interesse, sondern weil sie uns Argumente für die laufenden gesellschaftlichen Debatten lieferten“, sagt Jahn-Schnelle. Im Bürgerverein engagiert sie sich noch heute für „ihr Veedel“, wenngleich es im Frauenliteraturkreis des Vereins heute eher um Themen wie Spiritualität und Individualität geht: „Schließlich hören wir auch in höherem Alter nicht auf, uns immer weiter zu entwickeln“, sagt sie.

 Wie aus einer Schwäche eine Stärke wurde

Dass man in jedem Alter Neues lernen kann, schildert der Kölner Altenbegleiter Wolfgang Kaspari. Bis zum Alter von 50 Jahren konnte er weder lesen noch schreiben: „Ich habe mich deswegen immer für dumm gehalten. Ich habe gesehen: Alle können das, selbst kleine Kinder. Ich habe mich gefühlt, als wäre ich der Einzige, der das nicht kann.“ Lange hat er seine Schwäche verheimlicht, in der Familie, im Bekanntenkreis und bei der Arbeit. Die theoretische Führerscheinprüfung bestand er, indem er sich zu jedem Bild merkte, an welche Stelle das Kreuzchen gehört. „Ich habe zwar immer gearbeitet, aber mein Lese-Defizit hat meine berufliche Karriere extrem beeinflusst“, sagt er. Sogar eine Chance zur Beförderung habe er ausgeschlagen, um sich nicht „outen“ zu müssen.

Dann kam – im doppelten Wortsinn – der große Knall: Nach einem schweren Autounfall in Brühl ging er, im strömenden Regen und unter Schock, 25 Kilometer zu Fuß nach Hause. Noch an demselben Abend offenbarte er sich seiner Tochter. Eine Woche später meldete er sich zum Alphabetisierungskurs an der Volkshochschule an. „Da habe ich zum ersten Mal gemerkt: Du bist ja gar nicht der Einzige!“ Schon im ersten Jahr machte Kaspari viele Fortschritte. „Das hat mich unheimlich motiviert“, sagt er. Diese Motivation möchte er heute, vier Jahre später, an andere Betroffene weitergeben.

Vom Vor- zum Selberlesen

Als ein Weg, die Lust am Lesen schon früh zu fördern, gilt das Vorlesen. An diesem Punkt setzt das Projekt LeseWelten der Kölner Freiwilligen Agentur an: Ehrenamtliche lesen Kindern zwischen zwei und zehn Jahren einmal pro Woche vor, in Kitas, Schulen, Bibliotheken, Museen, neuerdings auch in Flüchtlingsheimen. Projektleiterin Susanne Klinkhamels hat eine interessante Beobachtung gemacht: „Jungen hören aufmerksamer zu und bekommen eher einen Zugang zum Lesen, wenn ein männliches Vorbild die Vorlesestunde gestaltet”. Daher soll der Anteil der Vorleser von bisher zwanzig Prozent gesteigert werden.

Das Vorlesen ist nicht nur für Kinder und Jugendliche wichtig. Zunehmend richten sich Vorleseinitiativen speziell an ältere Menschen. „Vorlesen ist dann eher der Anlass zur Kommunikation, zum Austausch – auch über Generationengrenzen hinweg”, weiß Tina Seibert, Projektmanagerin beim Netzwerk Vorlesen der Stiftung Lesen mit deutschlandweit mehr als 600 registrierten Initiativen. Bei an Demenz Erkrankten helfe das Vorlesen bisweilen der Erinnerung auf die Sprünge, genau wie das Singen oder das gemeinsame Schmökern in Bildbänden.

Lesen ist und macht lebendig

Um den Austausch geht es auch beim sogenannten BookCrossing: Gelesene Bücher sollen nicht im Bücherregal verstauben, sondern „Bookcrosser“ lassen sie absichtlich irgendwo liegen – „freilassen“ nennen die Mitglieder das. Auf einer Internetplattform werden die Bücher vorher registriert und bekommen einen Aufkleber mit einer Identifikationsnummer. Wird das Buch von jemandem „gefangen”, kann er die Nummer auf der Internetseite eintippen und so erfahren, wo und bei wem das Buch schon überall war. Man kann dort auch im Forum diskutieren, Bewertungen schreiben – oder kleine Geschichten zu den gefundenen Büchern verfassen.

„Fangen“ kann man Lesestoff ganz ohne Internet auch in öffentlichen Bücherschränken, mittlerweile existieren in Köln 18 solcher Schränke. Dorthin bringen die Bürgerinnen und Bürger ihre gelesenen Bücher und können selbst neue Lektüre mitnehmen – kostenlos, anonym und ohne Formalitäten. Sie werden fleißig genutzt und machen das Lesen im öffentlichen Raum sichtbar, als ein Element, das die Menschen verbindet.

Lesen und sich über das Gelesene mit anderen austauschen – diese „Fähigkeit zur Anschlusskommunikation“ nennt Groeben als eins der wichtigsten Ziele beim Lesenlernen. Schon beim Lesen selbst findet eine Art Gespräch zwischen Text und Lesenden statt: Leerstellen in einer Geschichte füllen wir mit unserem eigenen Weltwissen, umgekehrt erweitern wir dieses Wissen, indem wir lesen. Eine vitale Beziehung also, und so manchen wachsen die Geschichten und ihre Protagonisten bei der Lektüre ans Herz: „Mir geht es oft so, dass sich das Ende einer Geschichte wie eine Trennung von einem guten Freund anfühlt“, so Leserin Julie Junginger. „Die letzten Seiten teile ich mir dann gut ein, um den Abschied möglichst lange hinauszuzögern.“