in: KölnerLeben, August/September 2016

Gut und altersgerecht wohnen – für die meisten Menschen gehören dazu die eigenen vier Wände, auch das gewohnte Umfeld ist sehr wichtig. Mehrgenerationen-Wohnhäuser und gute soziale Netzwerke zwischen Jung und Alt bedeuten für die Menschen im Wohnquartier mehr Selbstbestimmtheit und Lebensfreude.

„Die Welt liegt dir zu Füßen“ – diese Redewendung hat für Stadtmenschen eine konkrete Bedeutung. Denn sie legen mehr als die Hälfte ihrer Wege zu Fuß zurück, hauptsächlich im unmittelbaren Wohnumfeld. Das Quartier wird mit zunehmendem Alter immer wichtiger: Im Idealfall finden die Bewohnerinnen und Bewohner dort Anlaufstellen wie Supermärkte, Banken, Apotheken und Arztpraxen. Im Stadtviertel finden nachbarschaftliche Kontakte statt und auch das kurze Gespräch beim Bäcker zwischendurch. Das generationen- und altengerechte Wohnquartier bietet beides – Versorgungssicherheit und sozialen Austausch.

„Die überwiegende Mehrheit der Menschen in Deutschland – rund 90 Prozent – ist zufrieden mit ihrer Wohnsituation“, sagt Dr. Katharina Mahne, Projektleiterin am Deutschen Zentrum für Altersfragen. Die Berliner Forscherinnen und Forscher befragen Seniorinnen und Senioren regelmäßig umfassend zu ihrer Lebenssituation. So fanden sie heraus, dass ältere Menschen ihre Wohnsituation etwas häufiger positiv bewerten als jüngere – auch dann, wenn es dafür keine objektiven Gründe gibt, etwa weil die Räume nicht barrierefrei sind oder weil für die Miete mehr als ein Drittel des Einkommens anfällt. „Das spricht für eine hohe Anpassungsbereitschaft älterer Menschen an ihr Wohnumfeld“, sagt Wissenschaftlerin Mahne. Die Untersuchung ergab auch, dass sich Menschen in Großstädten wie Köln insgesamt gut versorgt fühlen. Dazu trägt die eigene Wohnung, in der sie, auch im Alter, so lange wie möglich selbstbestimmt leben wollen, entscheidend bei. Auch das vertraute Wohnumfeld stiftet Zufriedenheit: „Erst wollte ich auf keinen Fall nach Zollstock ziehen – jetzt will ich auf keinen Fall mehr weg“, sagt die 71-jährige Brigitte Schmitz, die seit 35 Jahren dort wohnt. Wichtig sei ihr aber nach wie vor ihr Kiosk, den sie in der Südstadt betreibt. „Was soll ich denn den ganzen Tag zuhause? Ich kenne hier alle meine Kunden, und die Leute kennen mich“, sagt sie.

Mini-Quartier im Veedel

Selbstbestimmt und gemeinschaftlich leben – diesen Grundgedanken verfolgten auch Annelie Appelmann und Monika Nolte, als sie vor mehr als zehn Jahren mit ihrem Verein „Ledo“ ein Mehrgenerationen-Wohnhaus in Niehl initiierten. Es war das erste von fünf solcher Projekte, die die Stadt Köln bis Ende 2010 gefördert hat. Auch bundesweit spielt generationenübergreifendes Wohnen nur eine geringe Rolle – Untersuchungen beziffern den Anteil auf höchstens drei Prozent.

Diese geringe Zahl überrascht nur auf den ersten Blick, vergehen doch von der Idee bis zum Einzug etwa fünf bis zehn Jahre. Das erfordert Hartnäckigkeit und von Beginn an einen starken Zusammenhalt. Für die Initiatorinnen von „Ledo“ hat sich die Geduld jedoch ausgezahlt: Zwischen Flora und Galopprennbahn entstand ein dreiteiliger, u-förmig um einen großen, begrünten Innenhof angelegter Wohnkomplex – ein Mini-Quartier im Veedel. Darin leben 90 junge und alte Menschen, Singles, Paare, Familien, Menschen mit und ohne Handicap zusammen, verteilt auf 64 Wohneinheiten. Das Zentrum bildet der von der Stadt  mitfinanzierte Gemeinschaftsraum. „Da ist eigentlich immer was los“, sagt Annelie Appelmann und tippt mit dem Zeigefinger auf den fast ausgebuchten Belegungsplan. Dort sind die vielen Freizeitaktivitäten eingetragen, die Skatrunde, der Lesekreis und vieles andere. In dem Raum finden auch die monatlichen Treffen des Bewohnervereins statt, bei denen jeder die Themen zur Diskussion stellen kann, die ihm wichtig sind. Abgestimmt und entschieden wird immer im folgenden Monat.

Die Wohnungen sind alle barrierefrei, das Wohnquartier ist es an vielen Stellen nicht. „Oft sind vermeintlich kleine Hürden große Probleme – am größten sind Barrieren allerdings dann, wenn es darum geht, sie zu beseitigen“, sagt Monika Nolte. Hier hat „Ledo“ inzwischen viel erreicht: Im nahegelegenen Supermarkt gebe es ausreichend breite Gänge, auch das Bahngleis an der Haltestelle der Linie 13 ist inzwischen höher gelegt und für Rollstuhlfahrer benutzbar, nur zwei von zahlreichen Verbesserungen. „Unsere große Gemeinschaft hilft enorm, um auf politischer Ebene etwas zu bewegen“, sagt Appelmann. Das nachbarschaftliche Zusammenleben pflegt der Bewohnerverein intensiv, mit Straßenfesten, Lesungen oder Konzerten. Solch starkem Engagement ist es zu verdanken, dass von Mehrgenerationenhäusern die Hausgemeinschaften selbst, aber auch das Wohnquartier insgesamt profitieren.

Zusammenleben im Gleichgewicht

Ähnliches stellen sich auch Gesine Habermann und Wilhelm Schwedes für ihr Projekt vor. Wenn sie nächstes Jahr im Sommer in ihr Mehrgenerationen-Wohnhaus im Waldbadviertel in Köln-Ostheim einziehen, werden zwischen Idee und Umsetzung zehn Jahre vergangen sein. Es dauerte es allein sechs Jahre, bis ein für ihr Wohnkonzept geeignetes Grundstück gefunden war. Das Projekt in Ostheim erhält im Gegensatz zu „Ledo“ keine städtische Förderung, weil die Mittel der Stadt für das Programm aufgebraucht waren. Zustande kam es letztlich durch den Mut und das Engagement seiner Investoren.

Schwedes gehört von Beginn an zum Kern des Vereins „Lebensräume in Balance“. „Und darum geht es uns: um das richtige Gleichgewicht im Miteinander“, sagt er. Daran arbeiten sie ganz gezielt mit regelmäßiger Mediation und gewaltfreier, wertschätzender Kommunikation. Schließlich müsse man auch etwas dafür tun, dass die Chemie stimmt, findet Gesine Habermann. „Wichtig ist uns, dass wir einander sagen, wie es uns geht und was wir brauchen“, sagt sie.

Eine wichtige Motivation ist also, Verantwortung zu übernehmen, für sich und für die Hausgemeinschaft – aber auch für das Viertel, das nicht den allerbesten Ruf genießt. „Natürlich möchten wir uns hier auch zu gesellschaftspolitischen Fragen äußern und etwas bewegen, wenn auch im Kleinen“, sagt Schwedes und erwähnt die Flüchtlingsunterkünfte, die vor allem deshalb für reichlich Diskussionsstoff sorgten, weil sich die Anwohner von der Stadt nicht ausreichend informiert fühlten.

Inzwischen habe der Verein gute Kontakte zu örtlichen Initiativen geknüpft und beispielsweise einen Fotowettbewerb zum Thema „Lieblingsorte in Ostheim“ gestartet. Dennoch sei sie bei dem Gedanken an den Umzug etwas aufgeregt, sagt Gesine Habermann. „Ich ziehe ja nicht nur vom Stadtzentrum an den Stadtrand, sondern wechsele auch meinen beruflichen Mittelpunkt.“ Sie freue sich jedoch sehr auf den Austausch mit den unterschiedlichsten Menschen. Dadurch entdecke man auch in fortgeschrittenem Alter immer wieder neue Interessen und schlummernde Talente an sich und anderen, sagt sie.

Soziale Netzwerke in Deutz

So mancher verlässt seine langjährige Wohnumgebung jedoch nicht aus freien Stücken, sondern weil die Wohnung nicht mehr altersgerecht ist. Die überwiegende Mehrheit der rund 15.000 Einwohner in Deutz etwa, erzählt Tobias Kempf, Leiter des Bürgerzentrums, würde auch im Alter gerne in ihrem Quartier wohnen bleiben. Dies gelinge oft nicht, weil Aufzüge, ein Hausnotrufsystem oder ebenerdige, barrierefreie Badezimmer fehlten.

Für die Wohnqualität im Alter sei ein funktionierendes Sozialsystem aber mindestens ebenso wichtig wie bauliche Voraussetzungen. „Wir haben hier sehr viele Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren“, sagt Kempf. Das Bürgerzentrum tut selbst viel dafür, dass Senioren miteinander und mit anderen Generationen in Kontakt kommen, vom gemütlichen Kaffeeklatsch über Bewegungs- und Computerkurse bis hin zu Kulturangeboten. Sehr beliebt sei auch die Düxer Strickkunst: „Hier in Deutz wird alles bestrickt, was nicht bei drei auf den Bäumen ist“, sagt er scherzhaft und nickt in Richtung eines Laternenmasts, der mit bunter Handarbeit verziert ist.

Dass es gut funktionierende Netzwerke gibt, bestätigt auch Anne Dellgrün. Die Sozialwissenschaftlerin, Wohnungswirtin und Mediatorin ist auf altersgerechte Wohnformen spezialisiert. Auf der guten Basis in Deutz erarbeitet sie gemeinsam mit dem Bürgerzentrum ein ganzheitliches Konzept, um im Wohnquartier die Versorgungssicherheit zu verbessern. Dazu erfahren Mieterinnen und Mieter etwa bei Informationsabenden, welche örtlichen Initiativen bereits bestehen oder wie man selbst helfen kann, wenn plötzlich ein Nachbar an Demenz erkrankt.

Oft seien zwar die Gebäude in gutem Zustand. Doch darüber vergessen Hausgemeinschaften bisweilen, sagt Anne Dellgrün, wichtige Zuständigkeiten verbindlich zu regeln – „Vertrag kommt von vertragen“, sagt sie. Wer kümmert sich im Bedarfsfall um ambulante Pflege, wer um die Betreuung? Gibt es finanzierbare haushaltsnahe Dienstleistungen, beispielweise Hilfen beim Einkaufen? „Ich finde es gut, wenn solche Angebote so transparent wie möglich gemacht werden. Noch bin ich zwar fit“, sagt der 60-jährige Angestellte Michael Schäfer, „aber man weiß ja nie, was kommt“. Deshalb sieht Anne Dellgrün eine ihrer wichtigsten Aufgaben darin, die verschiedenen Gruppen und Dienstleister ins Gespräch zu bringen. „Manchmal“, sagt sie, „wissen die Menschen auch einfach nicht, welche Hilfen ihnen zustehen und an wen sie sich wenden können, wenn die Pflegebedürftigkeit plötzlich eintritt.“

Auf Selbstverständliches vertrauen können

Solche elementaren Fragen zu Pflege und Betreuung haben die Bewohnerinnen und Bewohner des Niehler Mehrgenerationen-Wohnhauses „Ledo“ längst geklärt. „Die Jüngeren brauchen keine Angst zu haben, dass sie Ältere pflegen müssen. Umgekehrt ersetzen wir auch nicht die Kindertagesstätten“, sagt Annelie Appelmann vom Bewohnerverein. Gegenseitige Unterstützung gebe es durchaus, aber nur freiwillig. „Für uns bedeutet gutes Wohnen vor allem Verlässlichkeit. Dass keiner wegschaut und weitergeht, wenn jemand Hilfe benötigt“, sagt Mitbewohnerin Monika Nolte. Eigentlich doch selbstverständlich im Zusammenleben. Das finde sie zwar auch, „aber wenn es klar ausgesprochen ist und man darauf vertrauen kann“, sagt sie, „sorgt das für ein wesentlich besseres Wohn- und Lebensgefühl. Egal in welchem Alter.“