in: KölnerLeben, Dezember 2016/Januar 2017

Die Veedelskneipen sind eine echt kölsche Institution. Aber sie sind in einem Wandel begriffen. Ein Streifzug durch die Kölner Kneipenlandschaft.

„Lisbeth, machste uns noch ´ne Runde?“, ruft Heinz. Lisbeth zapft und stellt drei frische Kölsch auf die hölzerne Theke. Die Gläser klirren, als Heinz Dedi, 70, mit seiner Frau Connie und der gemeinsamen Freundin Brigitte Wosimski anstößt. „Das ist doch herrlich hier, oder? Nette Gesellschaft, gute Gespräche und lecker Kölsch“, sagt er. „Wir wohnen ganz in der Nähe“, erzählt Connie Dedi. „Hier kann man einfach vorbeikommen. Man trifft fast immer jemanden, den man kennt. Das finde ich toll, da muss man sich nicht extra verabreden.“ Brigitte Wosimski ergänzt: „Es geht um die Menschen, um den Austausch. Und auch als Frau kann ich unbesorgt alleine herkommen“. Etwa alle 14 Tage seien sie hier, im Linkewitz in Niehl. „Diese Woche kommen wir aber schon früher wieder, übermorgen feiern wir da drüben zusammen unsere Geburtstage“, sagt sie und deutet auf den Gastraum mit den Eichendielen, dem Kamin und dem Klavier, an dem zu späterer Stunde gerne einmal Gäste in die Tasten greifen. „Das mit dem Raum hat der Karl-Heinz wirklich toll hingekriegt“, sagt Heinz Dedi.

Kein Wunder, schließlich ist Wirt Karl-Heinz Köckeritz Profi: Im Hauptberuf führt er ein Unternehmen für Bausanierungstechnik. Dennoch finden er und seine Frau Caroline  Zeit für das Linkewitz, ihr Herzensprojekt. Nachdem die Kneipe, eine der ältesten Kölns, beinahe 20 Jahre lang geschlossen war, übernahmen sie das Lokal im Jahr 2010. Nur fünf Jahre später dann das Aus: Der Besitzer des Gebäudes am Niehler Damm verlängerte den Mietvertrag nicht. Er wohnte direkt über der Kneipe und wünschte sich mit seinen 80 Jahren mehr Ruhe.

Glück im Unglück: Rettung für das „Sozialprojekt“ in Niehl

Was zunächst den Unmut vieler Stammgäste heraufbeschwor, stellte sich später als Glücksfall heraus: Vier Häuser neben dem alten Linkewitz stand seit Jahren ein Gebäude leer, das frühere Hotel „Niehler Damm“. Karl-Heinz Köckeritz gelangte an die Adresse des Besitzers, eines russischen Milliardärs. „Ich habe ihn direkt angeschrieben“, erzählt Köckeritz, „und ihm erklärt, was wir hier vorhaben.“ Seine Initiative war erfolgreich, die Gastwirte unterschrieben den Vertrag und legten mit den Sanierungsarbeiten los – „Gäste, Freunde und Bekannte haben alle kräftig mit angepackt“, sagt Köckeritz. Seit etwa einem Jahr haben die Niehler „ihr“ Linkewitz nun wieder. Es war ein Wagnis für die Familie Köckeritz – und das in Zeiten, in denen das Geschäft für viele Gastronomen hart geworden ist.

Der Wirt betont, ihm gehe es nicht um den Gewinn. „Ich verstehe das Linkewitz in erster Linie als Sozialprojekt für das Viertel.“ Mit den zahlreichen Terminen –  Krimi-Dinner, Feuerwerk, Hänneschen-Theater-Aufführungen – lebt er seine kreative Seite aus. Daneben organisiert er jeden Dienstag eine Suppenküche für Obdachlose. Denn: „Ich habe es nicht ertragen, dass hier in der Stadt immer noch Menschen verhungern – wir sind ja in Köln und nicht in Kathmandu“, sagt er. Einen Teil der Einnahmen aus dem Kneipenbetrieb lege er daher immer für die Verpflegung Bedürftiger zurück.

Sozialraum Kneipe

Veedelskneipen wie das Linkewitz erfüllen vielfältige und wichtige gesellschaftliche Funktionen. Welche das sind, haben der Kommunikationswissenschaftler Franz Dröge und der Stadtsoziologe Thomas Krämer-Badoni wissenschaftlich erforscht, Ende der 1980er Jahre. Für ihre immer noch aktuelle Studie untersuchten die Wissenschaftler – selbst passionierte Wirtshausgänger – die Kneipe als Kulturform, als Ort der „alkoholzentrierten Geselligkeit”. Dabei betonen sie: Die an der Theke konsumierten alkoholischen Getränke seien „keineswegs identisch mit dem Alkoholismusproblem“, sondern „Teil eines komplexen Verhaltens, zu dem auch das Rauchen und Reden, das Spielen und Politisieren gehören“. Das Trinken in Gesellschaft sei im Gegenteil sogar eher ein Schutz vor übermäßigem Alkoholkonsum im Gegensatz zum einsamen Trinken in der Bahn oder den eigenen vier Wänden.

Das bestätigt auch Hans zu Felde, der mit seiner Frau Hella das Trierer Eck in der Nähe des Barbarossaplatzes betreibt. „Wir haben hier noch nie groß Ärger gehabt. Wenn einer über die Stränge schlägt, wird er meistens einfach ignoriert – das regeln die Leute schon unter sich.“ Überhaupt zeigt er sich begeistert von seinen Gästen: Ältere Stammgäste kommen genauso in die Eckkneipe wie jüngere Leute, die an den Tischen sitzen und Karten spielen oder auf einen Absacker vorbeischauen. Hier treffen die unterschiedlichen Generationen aufeinander. Auch die gesellschaftlichen Unterschiede spielen in diesem Sozialraum keine große Rolle. „Wir haben hier Polizisten, Fernsehleute, Handwerker, Angestellte, Frauen, Männer, Schwule und Lesben – bunt gemischt“, sagt Hella, während sie einen frischen Kranz mit Kölsch unter die Leute bringt.

An der Vitrine hinter der Theke hängen Autogrammkarten von Fußballspielern, ein Foto zeigt die Wirtin mit dem Fernsehmoderator Günther Jauch. Auf dem Schild daneben steht: „Die Kneipe ist für uns lebenswichtig.“ Wer Hella und Hans zuhört und sie bei ihrer Arbeit beobachtet, versteht gleich, wie dieses Motto an diesen Ort, in diese Kneipe, zu ihren Betreibern und ihren Gästen passt.

Verändertes Freizeitverhalten stürzt Gastwirte ins Dilemma

Aber wer heute eine Kneipe führt, muss sich immer etwas einfallen lassen, um attraktiv zu bleiben. „Wir beobachten einen Wandel im Freizeitverhalten hin zu einer stärkeren Eventorientierung”, sagt Christoph Becker, Geschäftsführer der Kölner Niederlassung des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga). „Der Umsatzsteuer-Statistik zufolge gibt es in Köln rund 800 klassische Schankwirtschaften”, sagt er. Tatsächlich dürften es noch etwas mehr sein, da die Statistik Betriebe erst ab einer bestimmten Umsatzhöhe erfasst.

Doch vor allem solche kleinen Betriebe – klassische Kneipen mit vorwiegend Getränkeausschank – haben es zunehmend schwer. Umsätze bei Fußballübertragungen und mit Spielautomaten sind dringend benötigte Einnahmequellen. Häufig ist vom „Kneipensterben” die Rede, manche Gastronomen stecken in einem Dilemma: Würden sie angesichts steigender Pachtkosten die Preise für Kölsch und anderes erhöhen, kämen weniger Gäste. „Wahrscheinlich hat auch das Rauchverbot manch kleinere Kneipe in Schwierigkeiten gebracht“, so Becker. Ohnehin gehe der Alkoholkonsum in Deutschland seit den 1970er Jahren kontinuierlich zurück. Der Frühschoppen oder das gesellige Feierabend-Bier unter Kollegen geraten zunehmend aus der Mode.

Sparschrank und Cocktails

„Bei uns gibt es noch die Frühschoppen-Clique, etwa 15 Mann treffen sich hier regelmäßig. Die Auswirkungen des Rauchverbots und der veränderten Einstellung zum Alkohol spüren wir aber auch ganz deutlich“, sagt Guido Litzenroth. „Wir haben seit ein paar Jahren im Prinzip eine ganz neue Klientel.“ Der 41-Jährige führt das traditionsreiche Hotel-Restaurant Goebels in Esch gemeinsam mit seiner Frau Natalie. Seit 110 Jahren läuft der Betrieb in Familienbesitz. „Für uns werden Restaurant und Biergarten immer wichtiger. Die ziehen auch Leute von außerhalb an“, sagt er. Auf den Tafeln über der Theke lesen Besucher die Auswahl an Cocktails, mit und ohne Alkohol. An der hölzern-rustikalen Theke sitze aber unter der Woche nur noch selten jemand. Er selbst trage möglicherweise durch sein eigenes Verhalten dazu bei, sagt der Gastwirt. Er trinke während der Arbeit nicht, fahre abends mit dem Auto nach Hause, auch aus Selbstschutz.

„Dennoch leben hier gewisse Traditionen weiter“, sagt Guido Litzenroth und nickt in Richtung des Sparschranks an der Wand. Der Sparverein sei sehr aktiv, die 49 Fächer seien allesamt doppelt belegt. Für die drei älteren Damen an einem der Tische begann mit dem gemeinsamen Sparen eine besondere Geschichte: „Erst kamen wir wegen der Sparkästchen ins Goebels“, erzählt Brigitte Höner, 69. „Aber dann sagte man uns: ‚So geht es aber nicht, ihr müsst auch mal was trinken.‘ Ja, und seitdem kommen wir jeden Montag und spielen Karten!“ Das war 1982, vor 34 Jahren. Von dem Ersparten verreist der Stammtisch einmal im Jahr für eine Woche. „An der Nordsee waren wir schon, in Griechenland und in der Türkei“, erinnert sich Monika Becker.

Natürlich sei nicht immer alles harmonisch gelaufen, aber es gehe doch auch darum, dass man Probleme aushält und Differenzen beilegt, findet sie – und dabei helfe der feste wöchentliche Termin. „Der ist gesetzt – nur im äußersten Notfall lasse ich den ausfallen.“

Auch wenn sich die Gewohnheiten verändern: Noch sind sie lebendig, die Kölner Veedelskneipen, in denen sich Stammtische und Nachbarn treffen, wo sich Paare finden und Freunde austauschen. Die „Institution Kneipe“ gibt vielen auch Halt und führt Menschen unterschiedlichen Alters, aus verschiedenen sozialen Schichten, mit gleichen Interessen oder abweichenden politischen Ansichten zusammen – manchmal für Jahrzehnte, manchmal nur für eine Stange Kölsch.