in: KölnerLeben, Februar/März 2017

In dieser Serie stellt KölnerLeben je ein Veedel aus jedem der neun Stadtbezirke vor. Betrachtet wird dessen Lebensqualität besonders für ältere Menschen. Den Auftakt macht Deutz. Wer hier den Blick auf Orte jenseits von Bahnhof und Rheinboulevard lenkt, findet ein lebendiges Quartier, in dem sich seine Anwohner vielfältig für ihr Viertel einsetzen.

Kaum hörbar öffnet jemand die Tür, kalte Luft strömt herein und durchschneidet den warmen Geruch von Zwiebeln und Tomaten. In der kleinen Küche wird gerade das Mittagessen vorbereitet. Auf einmal steht ein Mann im Raum. Er atmet schwer. Er setzt seinen olivgrünen Rucksack ab, nimmt seine Wollmütze vom Kopf und streicht sich mit der Hand durch seinen zotteligen Vollbart. Mit einer schnellen Bewegung verstaut er eine der vielen Plastiktüten, die auf dem Tisch vor ihm liegen. Darin sind Käse- und Schinkenbrote, heute zusätzlich ein Würstchen. „Danke“, sagt er schüchtern und lächelt. Er steckt ein Trinkpäckchen Kakao und einen Apfel ein, auch eine Zwiebel nimmt er mit. Dann geht er zur Tür und wünscht noch einen schönen Tag.

„Ihnen auch“, sagen im Chor Annelie Bartonitschek, Rosemarie Peters und Ursula Liedl. Die drei Damen engagieren sich ehrenamtlich bei der „Aktion Biesenbach“, benannt nach Horst Biesenbach, dem ehemaligen Diakon der Gemeinde St. Heribert in Deutz. Seit dessen Tod 2009 führen die etwa 30 freiwilligen Helferinnen und Helfer die Initiative fort und geben Butterbrote an Bedürftige aus, immer dienstags und freitags. Ein Bäcker aus dem „Veedel“ überlässt der „Aktion Biesenbach“ jede Woche rund 30 Kilogramm Brot zu einem günstigen Preis.
Ans Deutzer Rheinufer, Alfred-Schütte-Allee 4, kommen an jedem Ausgabetag rund 100 Wohnungslose, Hartz-IV-Empfänger, aber auch Rentner, die das kostenlose Frühstück gerne annehmen – am Monatsende sind es mehr, wenn das Haushaltsgeld knapp ist. „Einige der Schicksale kennen wir. Aber bei den meisten wissen wir nicht genau, was sie hierher führt“, sagt Annelie Bartonitschek. „Wir fragen auch ganz bewusst nicht danach. Registrieren muss sich bei uns keiner.“ Für die Butterbrotausgabe nutzt die „Aktion Biesenbach“ die Räume der „OASE“. Sie ist die Anlaufstelle für Wohnungslose in Deutz, die hier Beratung finden, dreimal pro Woche duschen und sich neu einkleiden können. Die Zusammenarbeit beider Initiativen, da sind sich alle Beteiligten einig, funktioniert sehr gut.

Knotenpunkt Bürgerzentrum

„Das ist durchaus typisch für Deutz“, sagt Tobias Kempf, Leiter des Bürgerzentrums in der Tempelstraße. Dass die verschiedenen Initiativen kooperieren und sich austauschen, sei ihm besonders wichtig. Um die Vernetzung zu fördern, organisiert er gemeinsam mit anderen ein- bis zweimal im Jahr die Stadtteilkonferenz. Mit dieser Versammlung versucht er, alle Gruppen in Deutz zusammenzubringen: Senioren, Kinder, Jugendliche und Familien, ebenso die zahlreichen Vereine und Initiativen des rechtsrheinischen Veedels: Ceno, Kölsch Hätz, Deutz Dialog und Deutz familienfreundlich etwa.

Auch ohne den organisatorischen Rahmen der Stadtteilkonferenz laufen bei Tobias Kempf im Bürgerzentrum viele Fäden zusammen, ganz unbürokratisch. Eines von vielen Beispielen: Als im Sommer am Messekreisel vier neue Flüchtlingsunterkünfte eingerichtet wurden, fehlten vor allem Teller, Töpfe und Pfannen für die 320 Bewohner. Per E-Mail-Verteiler aktivierte Kempf sein Netzwerk. „Das Engagement der Deutzerinnen und Deutzer war unglaublich – in einer Woche hatten wir die Sachen zusammen“, sagt Kempf.

Impulse für die „Freiheit“

Vom Bürgerzentrum sind es nur wenige Meter bis zur Deutzer Freiheit. Besonders mittags herrscht hier Hochbetrieb, wenn die Gaststätten der Einkaufsstraße die zahlreichen Angestellten bewirten, die für die großen, in Deutz ansässigen Unternehmen und Behörden arbeiten – für die Stadtverwaltung, den Landschaftsverband Rheinland, für die Strabag oder die Versicherungskonzerne Talanx und die Roland Rechtsschutz. „Für die Händler und Gastronomen ist das Mittagsgeschäft enorm wichtig. Da machen sie etwa 30 Prozent des Tagesumsatzes“, sagt Daniel Wolf, Vorstandsvorsitzender der Interessengemeinschaft (IG) Deutz.

In der IG Deutz sind zahlreiche Unternehmen aus dem Veedel organisiert, aus Dienstleistung, Handel, Gewerbe und Gastronomie. Mehr als 70 Mitglieder tauschen unter dem gemeinsamen Dach ihre Erfahrungen aus und überlegen, wie sich die Infrastruktur des Stadtteils, aber auch Umsätze und Qualität der Geschäfte verbessern lassen. „Die Deutzer Freiheit ist schließlich keine Shoppingmeile mit großen Ladenketten wie im linksrheinischen Zentrum. 80 Prozent sind Geschäfte des täglichen Bedarfs“, erklärt Wolf. Natürlich gehe es auch darum, Deutz für jüngere Menschen attraktiv zu machen. Immerhin beherbergt Deutz die größte Technische Hochschule Deutschlands. Schlendert man über die „Freiheit“, tauchen die Studierenden – insgesamt gut 25.000 – im Stadtbild aber kaum auf.

Sichtlich stolz ist Wolf auf die zahlreichen Aktionen, die die IG-Deutz-Mitglieder regelmäßig auf die Beine stellen: Bei Informationstagen zur Gesundheit etwa kooperiert die Initiative mit den ansässigen Haus- und Fachärzten und mit dem Eduardus-Krankenhaus; und das Familien- und Stadtteilfest, das die IG Deutz jedes Jahr organisiert, lockt inzwischen mehr als 100.000 Besucher in den rechtsrheinischen Stadtteil – „das größte Familienfest in NRW in den Sommerferien“, sagt Wolf.

Früher Kastell, heute Chaos

Wenn im Sommer auf der Deutzer Freiheit und in den kleinen Seitenstraßen so viele Menschen gemeinsam feiern, ist das die Ausnahme. „Deutz ist ein eher ruhiger Stadtteil“, sagt Willi Schenk. Der 72-Jährige ist Vorstandsmitglied der Bürgervereinigung Deutz und wohnt seit 1960 hier, einer von ca. 15.000 Menschen, die in dem Stadtteil leben, in knapp 9.000 Haushalten. Bis vor kurzem hat sich Schenk als CDU-Mitglied in der Bezirksvertretung für „sein“ Veedel engagiert. Deutz ist für ihn auch gekennzeichnet durch eher kleinstädtische Strukturen und dadurch, dass sich hier jeder kennt – „mit allen Vor- und Nachteilen“, sagt er augenzwinkernd.

Schon als Kind habe er seine Tante und seinen Onkel hier besucht und sei gerne durch die mittelalterlichen Kopfsteinpflaster-Gassen spaziert. Die Veedelsmitte lässt die Keimzelle von Deutz noch erahnen: das Kastell – Castrum Divitia bzw. Divitensium –, das der römische Kaiser Konstantin zu Beginn des 4. Jahrhunderts n. Chr. am rechten Rheinufer errichten ließ. Im Jahr 1003 wandelte Erzbischof Heribert von Köln es in die Abtei Deutz um, ab 1816 errichteten die Preußen hier erneut eine Festung. Bis zur Eingemeindung 1888 durch die Stadt Köln war Deutz eigenständig, seit der kommunalen Neugliederung 1975 gehört es zum neu gegründeten Stadtbezirk Innenstadt.

„Seitdem hat sich hier viel entwickelt“, sagt Willi Schenk. Zu verbessern gebe es aber immer noch einiges. „Das Kopfsteinpflaster zum Beispiel ist zwar Teil der Deutzer Geschichte. Für manch älteren Bewohner kann es aber schnell zur Stolperfalle werden.“ Und er ergänzt: „Vor allem die Verkehrssituation hat sich dramatisch verschlechtert.“ Wer einmal versucht hat, in der Deutzer Freiheit einen Parkplatz zu finden, kann das sofort bestätigen. Die vielen Pendler, die an der Lanxess Arena regelmäßig im Stau feststecken, sehen das vermutlich ähnlich. „Die Verantwortlichen haben offenbar lange gedacht: Das Problem löst sich schon von selbst. Das tut es aber nicht“, sagt Schenk. Zur Entlastung schlägt er Stadtteilgaragen unter dem Reisch- oder dem Lorenzplatz vor. Das Deutzer Verkehrschaos wirkt dabei wie eine Ironie der Geschichte. Schließlich nahm, wie mancher Bewohner nicht ohne Stolz erzählt, mit der Entwicklung des Otto-Motors in der DEUTZ AG die Motorisierung der Welt ihren Ausgang – das Denkmal für Erfinder Nicolaus Otto und Eugen Lange am Deutzer Bahnhof erinnert daran.

Trotz dieser Probleme sei die Lebensqualität rechts des Rheins insgesamt sehr hoch, findet Willi Schenk – allein schon auf Grund der Nähe zur linksrheinischen Innenstadt. Über die Hohenzollernbrücke erreichen Fußgänger aus Deutz den Dom in etwa einer Viertelstunde. „Bleibt nur zu hoffen, dass es hier auch in Zukunft noch bezahlbaren Wohnraum geben wird“, sagt Schenk.

Begehrte Wohnlage, „Dorf“ in Bewegung

Um die Attraktivität von Deutz wissen Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Architekten. Insbesondere den Deutzer Hafen haben die Planer in den Blick genommen. Auf dem 35 Hektar großen Areal des ehemaligen innerstädtischen Industriehafens soll ab frühestens 2020 ein neues Stadtviertel für ca. 4.500 Menschen entstehen – ein modernes Quartier, das Wohnen, Arbeiten und Freizeit miteinander verbindet. Hört man sich im Veedel um, sind viele bisher zufrieden mit dem moderierten Planverfahren, an dem sich die Kölner Bürgerinnen und Bürger beteiligen konnten.
30 Prozent des neu entstehenden Wohnraums im Deutzer Hafen sollen öffentlich gefördert werden. So sieht es das „Kooperative Baulandmodell Köln“ vor. Der Deutsche Gewerkschaftsbund und der Mieterbund fordern für den Deutzer Hafen allerdings eine Ausweitung auf 40 Prozent. „Damit wir am Ende auch tatsächlich auf 30 Prozent kommen“, sagt Jürgen Becher, Pressesprecher des Kölner Mieterbundes. Schließlich gebe es zahlreiche Sonderregelungen, mit denen Investoren die Verpflichtung zum sozialen Wohnungsbau umgehen können. „Geförderter Wohnraum hatte jahrzehntelang ein ziemlich schlechtes Image“, sagt Becher. Hier sei in der Vergangenheit vieles versäumt worden. Inzwischen ist jedoch klar: Köln braucht dringend bezahlbaren Wohnungen, denn die Mietpreise erreichen schon jetzt schwindelerregende Höhen. Allein zwischen 2010 und 2015 haben Besserverdiener viele Menschen aus dem Veedel verdrängt, die weniger Einkommen haben. Die durchschnittliche Kaltmiete liegt bei 11,50 Euro – die „Gentrifizierung“ hat Deutz und Mülheim auf jeden Fall erreicht, wie die Stadtsoziologen Jörg Blasius aus Bonn und Jürgen Friedichs aus Köln festgestellt haben.

Dass Menschen bis ins hohe Alter in der rechtsrheinischen Innenstadt bleiben können, ist nicht nur eine Frage des Geldes, sondern auch der Betreuung. Für die Altenhilfe setzt sich explizit der Gebrüder Coblenz Stift e. V. ein. Heinrich und Josef Coblenz betrieben zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Tabakwarenfabrik in Deutz und hinterließen der Stadt 2,2 Millionen Goldmark, um „ein Asyl für altersschwache Personen beiderlei Geschlechts und jeder Confession aus Deutz zu errichten und zu unterhalten“. Dies wurde 1968 verwirklicht, indem das Seniorenzentrum Gebrüder-Coblenz-Stift gebaut wurde. 2012 zogen die Bewohner nach Buchforst um, da das Gebäude in Deutz modernen Pflegeanforderungen nicht mehr genügte. Der Verein betreut die Seniorinnen und Senioren jedoch weiter und möchte auch die Altenhilfe in Deutz fördern. Aktuell konkretisieren sich etwa die Pläne für eine selbstverantwortete, ambulant betreute Pflege-Wohngemeinschaft.

„Für mich allein wäre meine 3-Zimmer-Wohnung zu groß“, sagt Ursula Wirtz. Die 79-Jährige lebt seit 1991 in Deutz und ist auch bei der „Aktion Biesenbach“ aktiv. Inzwischen wohnt sie mit einer Studentin zusammen. Es sei doch schade, wenn viele Menschen händeringend eine Wohnung suchten, während die Älteren oftmals alleine auf drei Zimmern wohnten. Manch anderer hingegen muss sein geliebtes Veedel verlassen, weil die Wohnungen nicht altersgerecht und barrierefrei sind. Oft fehlt ein Aufzug oder das Bad ist nicht ebenerdig. Manchmal sind auch die notwendigen Umbauten nicht möglich – oder vom Vermieter oder den Nachbarn nicht gewünscht.

Ursula Wirtz ist davon nicht betroffen. Nach vielen Jahren in der Entwicklungshilfe in Südamerika ist sie heute über die Gemeinde auf vielfältige Weise aktiv im sozialen Leben: bei den Katholischen Frauen Deutz, der Caritas, der Eine-Welt-Gruppe Deutz. „Man kann viel für andere tun“, sagt sie und erzählt vom Straßenfest mit Flüchtlingen und Anwohnern in der Otto-Gerig-Straße; vom Engagement des Kolpinghauses; von Hoteliers auf der Deutzer Freiheit, die zu Weihnachten ihre Türen für Alleinstehende öffnen; von der Realschule Im Hasental, wo die Schülerinnen und Schüler, viele mit Migrationshintergrund, das ganze Jahr lang Spenden für Obdachlose sammeln; vom fröhlichen Miteinander im Düxer Karneval; vom Historischen Park Deutz; vom Schicksal der Deutzer Juden im Nationalsozialismus. Es gäbe noch viele Geschichten zu erzählen von der „Schäl Sick“. Fest steht: Der Stadtteil ist in Bewegung – und hat eine spannende Entwicklung vor sich.