Als Carl Thiem 1877 in Cottbus seine erste Praxis eröffnet, befindet sich die Stadt dank der Niederlausitzer Textilindustrie im Aufschwung. Die Schattenseite des Wachstums: Immer mehr Arbeiter verletzen sich schwer an den Maschinen. Zwar führt die Reichsregierung 1884 eine Unfallversicherung ein, doch die meisten Betroffenen müssen zu lange auf Entschädigungszahlungen warten. Das kritisiert der als „Vater der Unfallheilkunde“ international anerkannte Chirurg Carl Thiem. 1885 eröffnet er eine Privatklinik, 1890 ein medico-mechanisches Institut. Dort behandelt er die komplizierten Brüche der Cottbuser Arbeiter. Als um die Jahrhundertwende die medizinische Versorgung der Stadt mit ihrer wirtschaftlichen Entwicklung nicht mehr Schritt hält, setzt Thiem sich unermüdlich für eine Verbesserung der Situation ein. Nach jahrelangen Verhandlungen mit den Behörden beginnt 1912 der Bau einer neuen Städtischen Klinik, die der Chefarzt Carl Thiem im Sommer 1914, wenige Wochen vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, einweiht. Damit beginnt ein neues Kapitel der Gesundheitsversorgung – in Cottbus und weit darüber hinaus.

Cottbus, 27. Juni 1914. Die Sonne steht hoch über der Stadt. An der Südseite der kurz zuvor fertig gestellten neuen Städtischen Klinik haben sich die wichtigsten Repräsentanten der Stadt, der preußischen Bezirksregierung in Frankfurt an der Oder sowie zahlreiche Vertreter der Berufsgenossenschaften versammelt. Eine Regimentskapelle spielt die ersten Töne, die geladenen Gäste singen gemeinsam den Choral „Gott in der Höh’ allein sei Ehr’“. Stadtbaurat Johannes Boldt übergibt dem Cottbuser Oberbürgermeister Hugo Dreifert den Schlüssel zur Klinik, der ihn an einen älteren Herrn weiterreicht: den 64-jährigen Geheimen Sanitätsrat Prof. Dr. Carl Thiem. Die internationale Koryphäe auf dem Gebiet der Unfallchirurgie ist der erste Leiter der Klinik, an deren Planung er federführend beteiligt war.

CARL THIEMS WEG ZUR MEDIZIN

Johann Carl Sigismund Tiem erblickte am 10. Oktober 1850 im preußischen Nicolschmiede (heute Kowalice), einem Dorf in Niederschlesien, das Licht der Welt. Er wuchs in kleinbürgerlichen Verhältnissen auf: Sein Vater Ernst Wilhelm Tiem war Lehrer und Organist und unterrichtete ihn zunächst zu Hause. Ab 1864 besuchte Thiem das Königliche Gymnasium in Lissa (heute Leszno) in der preußischen Provinz Posen. Gerade 20 Jahre alt, meldete er sich noch vor Abschluss des Gymnasiums 1870 freiwillig zum Militärdienst und zog in den Deutsch-Französischen Krieg, der zur Gründung des Deutschen Reiches führte. Für seine Teilnahme an der Schlacht am Mont Valérien, 12 Kilometer westlich von Paris, erhielt er 1871 das Eiserne Kreuz Zweiter Klasse. Nach dem Abitur 1872 studierte Carl Thiem Medizin an der Universität Greifswald, einer renommierten Ausbildungsstätte für  Chirurgie. Eine einheitliche Ausbildung für Ärzte gab es in Preußen seit 1852 – ein wichtiger Schritt zur Modernisierung und Professionalisierung der Medizin. Das Studium schloss Thiem am 4. August 1876 mit einer „Untersuchung über die Löslichkeit des Bindegewebes durch verschiedene chemische Mittel“ ab. Danach begann er, als „Arzt, Wundarzt und Geburtshelfer“ zu arbeiten. Seine erste Stelle führte Thiem an ein Prager Geburtshaus. Anschließend belegte er weitere Kurse in Wien, Berlin und Greifswald, in denen er sich vermutlich auf die Chirurgie spezialisierte. Eine Fachrichtung, die zu dieser Zeit bedeutende Innovationen erfuhr, nach der Engländer Lord Joseph Lister 1867 die Antiseptik entwickelt hatte, die in der Folgezeit zur Aseptik verbessert werden sollte, also zur Herstellung keimfreier Verhältnisse. Die große Gefahr der Wundinfektionen bei und nach Operationen war damit deutlich verringert.

(Auszug aus dem ersten Kapitel)