Sommer 1911. Seit Wochen staut sich im Ruhrtal die unerträgliche Hitze, es kursieren schier unglaubliche Berichte über die Verhältnisse entlang der Ruhr. Das weckt die Neugier des angesehenen Gewässerkundlers August Thienemann aus Münster. Er reist nach Mülheim an der Ruhr, um sich selbst ein Bild zu machen. Was er sieht, ist schockierend: „Die Ruhr […] stellt eine braunschwarze Brühe dar, die stark nach Blausäure riecht, keine Spur von Sauerstoff enthält und absolut tot ist“.

Die Zustände waren zwar in diesem Sommer besonders miserabel, doch extreme Verschmutzung war an der Ruhr mittlerweile eher die Regel als die Ausnahme. Viele Industriebetriebe und eine rasch wachsende Bevölkerung entnahmen dem Fluss große Mengen Wasser und leiteten es verschmutzt wieder ein. Bereits 1905 hatte der Mediziner Max Rubner notiert: „Von Witten bis Essen kann die Ruhr […] als Trinkwasser nicht mehr benutzt werden […]. [D]as Wasser ist nie geruchlos, es enthält übermäßige Mengen von Ammonium, Chlor, salpetriger und Salpetersäure, lebende Würmer und Parasiten; sein Geschmack ist schal, bei großer Hitze widerlich“. Einige Jahre waren seither vergangen, doch geändert hatte sich kaum etwas.

In die verfahrene Situation kam Bewegung, als sich im November 1911 der Ruhrausschuss zu seiner ersten Sitzung traf. Den 28 in dieser Kommission versammelten „wichtigsten Vertretern der Behörden, der Gemeinden und der Industrie des ganzen Gebietes“ standen die schlimmen Bilder des Sommers noch deutlich vor Augen: Die Ruhr war nur noch ein schmutziges Rinnsal, etwa 1.500 Menschen waren an Typhus erkrankt. Seit Jahrzehnten aber scheiterten alle Versuche, die Lage zu verbessern, an den Einzelinteressen verschiedener Gruppen, an Streitigkeiten ums Geld und an Zuständigkeitskonflikten. Doch inzwischen litt die ganze Region unter Problemen wie den ausbrechenden Seuchen. Für eine grundlegende Veränderung brauchte es eine gesetzliche Grundlage.

Der Ruhrausschuss legte im März 1912 einen Entwurf vor, den der preußische Landtag am 5. Juni 1913 verabschiedete. Mit dem „Ruhrreinhaltungsgesetz“ schlug auch die Geburtsstunde des Ruhrverbands, denn in Paragraph 1 hieß es: „Zur Reinhaltung der Ruhr und ihrer Nebenflüsse wird eine Genossenschaft gegründet“. Die damit ins Leben gerufene Körperschaft des öffentlichen Rechts hatte laut dem Gesetz nur eine wesentliche Aufgabe: Sie sollte Anlagen herstellen, unterhalten und betreiben, „die erforderlich sind, um die Verunreinigung der Ruhr und ihrer Nebenflüsse zu verhindern“ gfoed5t. Der Durchbruch war gelungen; endlich gab es an der Ruhr eine Einrichtung, die dafür verantwortlich war, den Fluss „rein“ zu halten.

(Auszug aus dem ersten Kapitel)