David Korsten
Autor und Journalist

Autor dk

Mer stonn zo dir …

von

in: KölnerLeben, Februar/März 2018

Erstaunlich, aber wahr: Max Esser ist seit 80 Jahren FC-Mitglied, obwohl der Verein am 13. Februar 2018 erst sein 70-jähriges Bestehen feiert. Wie kann das sein?

 „Schon als Kind war ich ein begeisterter Fußballer“, erzählt Max Esser. Der heute 94-Jährige erinnert sich noch gut daran, wie er mit Freunden Konservenbüchsen auf der Straße hin- und herkickte oder auf der Wiese im Stadtwald spielte. Der lag nur wenige Minuten von Essers Elternhaus in Braunsfeld entfernt. Sein erster Verein war Hannibal Melaten. „Lieber hätte ich aber für den KBC, den Kölner Ballspiel-Club, gespielt – schließlich war mein Vater alter KBCaner“, sagt Esser. Doch der Trainingsplatz war zu weit entfernt und ein Fahrrad besaß er noch nicht. Das bekam er erst 1938 – und trat dann auch gleich in den KBC ein.

Dessen Vorsitzender Franz Kremer verfolgte eine Idee: „Der Visionär“, wie Max Esser ihn bezeichnet, wollte einen Großverein in Köln gründen, der auch im Kampf um die deutsche Meisterschaft würde mithalten können. Der SV Union Köln aus der Südstadt lehnte ab, Kremer klopfte bei der Spielvereinigung Sülz 07 an. Mit Erfolg: 1948 war die Fusion perfekt, der 1. FC Köln geboren. Deshalb ist Max Esser bereits seit 80 Jahren Mitglied, obwohl der Verein erst 70 Jahre alt wird – seine Zugehörigkeit zum Vorgänger KBC wird mitgewertet.

An der Vitrine im Wohnzimmer hängt der FC-Wimpel, auch das weiße Hemd und der rote Pullover, die er heute trägt, zeugen von seiner Verbundenheit mit dem Verein. „Das Double war ein ganz besonderer Moment, schließlich kommt das nicht so häufig vor“, erinnert sich Esser und strahlt. 1977/78 gewannen die Geißböcke um Trainer Hennes Weisweiler die Meisterschaft und den DFB-Pokal. Solche Erfolge liegen in der aktuellen Saison 2017/18 in weiter Ferne: Bei den Geißböcken läuft kaum etwas zusammen, es droht der fünfte Abstieg der Vereinsgeschichte. Die sportlichen Höhen und Tiefen des FC hat Esser alle miterlebt – und dem Verein auch in schweren Stunden die Treue gehalten. Wenn der Verein absteigt, sei das natürlich traurig. Aber dann hoffe man eben auf den Aufstieg.

Aktiv auf Feld und Rang

„Das Berufsspielertum war zu meiner Zeit noch nicht verbreitet“, sagt Esser, einst selbst ein talentierter Fußballer. Er wurde Ingenieur, arbeite als selbstständiger Gutachter für Versicherungen – bis zu seinem achtzigsten Lebensjahr. Er habe ganz Deutschland bereist, auch an die französische Riviera habe es ihn verschlagen. Allein wegen seines Berufs konnte er der Mannschaft nicht überallhin hinterherreisen. Doch an besondere Partien erinnert er sich, etwa an ein Auswärtsspiel des FC in München, als Franz Beckenbauer das Bayern-Trikot trug.

Lange Zeit spielte Esser in der Altherrenmannschaft des 1. FC Köln. So bleibe man aktiv, jeder gewonnene Zweikampf sei ein kleiner Erfolg und gut fürs Selbstbewusstsein. „Aber auch auf die dritte Halbzeit haben wir großen Wert gelegt“, sagt Esser und schmunzelt. Die gemeinsamen Fahrten mit den Ehefrauen, die langjährigen Freundschaften, die sie mit den Spielern der gegnerischen Mannschaften geschlossen haben – das sei eine schöne Zeit gewesen. „Irgendwann bezeichneten uns die jüngeren Spieler als ,Gruftis‘“, erzählt Esser und lächelt verschmitzt. Da sei es an der Zeit gewesen, aufzuhören.

Ein Ende kommt in puncto FC für ihn allerdings nicht in Frage: „Ich bin Mitglied und das bleibt auch so“, sagt Esser entschlossen. Schließlich gelte seine Sympathie dem Verein, und dies völlig unabhängig von einzelnen Spielern oder den handelnden Personen. Dass manche nur zum Verein stehen, wenn er erfolgreich ist – für ihn komme das nicht in Frage. Ihn beschäftige es immer noch, wenn der FC als Verlierer vom Platz geht. „Das hat mir schon einige schlaflose Nächte beschert“, erzählt er. Inzwischen gehe er mit Niederlagen gelassener um, lenke sich etwa mit Kreuzworträtseln ab.

Fernseher statt Tribüne

Sein letzter Stadionbesuch liege jetzt drei Jahre zurück, der FC spielte im traditionell hitzigen Derby gegen Mönchengladbach. Aber der Trubel, die Polizeipräsenz und die vielen Treppen – das sei nichts mehr für ihn. „Aber die Stimmung war fantastisch, fast sakral“, sagt er. Jetzt schaue er sich die Spiele im Fernsehen an. Wenn der FC zurückliege, schalte er immer auf Konferenzschaltung um – wie im Radio berichten dabei Reporter abwechselnd aus den Bundesligastadien. „Dann hoffe ich immer, dass der Ruf kommt: ,Tor in Müngersdorf!‘ – und dass sich dann die richtigen Spieler in den Armen liegen“, sagt Esser. Ab und zu gebe es durchaus Konflikte mit seiner Frau über die „Rechte“ am Fernseher, sie kann dem Fußball nicht so viel abgewinnen. „Aber samstags gehört der Fernseher mir“, sagt er.

Energie frisch vom Feld

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Kölner Projekt experimentiert mit Biomasse aus Pappeln

in: Kölnische Rundschau, 11. Januar 2018

Krachend knicken die Pappeln ab, als die Maschine die Baumreihen abfährt. Zu Hackschnitzeln zerteilt gelangen sie über ein Rohr direkt in den großen, roten Anhänger, der neben der Schneidemaschine herfährt. Was zunächst wie Umweltfrevel aussieht, ist das genaue Gegenteil: Im Waldlabor an der Bachemer Landstraße – ein Gemeinschaftsprojekt von Stadt, Rheinenergie und Toyota – werden seit 2010 auf knapp sieben Hektar Fläche schnellwachsende Bäume wie Pappeln und Weiden angepflanzt.
Die Beteiligten wollen herausfinden, inwiefern sich der nachwachsende Rohstoff zur umweltschonenden Energieerzeugung eignet – und nach der ernsten Ernte 2014 rückten die Traktoren nun zum zweiten Mal aus. „Dieses Mal ist das schon anspruchsvoller“, erklärt Michael Hundt, Förster der Stadt Köln. Die Baumstämme seien inzwischen dicker und hätten Seitenäste gebildet.

„Nach wie vor ein Experimentierfeld“

„2010 haben wir das Projekt gestartet“, sagt Frank Lohrberg, Professor für Landschaftsarchitektur an der RWTH Aachen. Er erforscht im Äußeren Grüngürtel, ob Energiewälder auch in Stadtnähe möglich sind. Pappeln seien besonders gut geeignet. „Die Holzhackschnitzel werden auf Biomasse-Kraftwerke in der Region verteilt“, sagt Tilo Dumuscheit von der Abfallentsorgungs- und Verwertungsgesellschaft (AVG).

Ein eigenes Holzkraftwerk gibt es in Köln nicht: 2014 scheiterte die Initiative der Rheinenergie, in Merheim eine solche Anlage zu errichten – durch eine Änderung im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) war das Kraftwerk nicht wirtschaftlich zu betreiben. „Der Anteil der Bioenergie liegt bei etwa sieben bis acht Prozent, und davon entfällt nur ein kleiner Teil auf Biomasse“, sagt Jan Stertkamp, der bei der Rheinenergie die erneuerbaren Energien verantwortet. Und Markus Bouwmann, Leiter der städtischen Forstverwaltung, betont: „Es ist nach wie vor ein Experimentierfeld.“

Bei der ersten Ernte vor vier Jahren kamen circa 360 Tonnen Holzhackschnitzel zusammen. Sie könnten knapp 100.000 Liter Heizöl ersetzen und zum Beispiel rund 60 Einfamilienhäusern ein Jahr lang Strom und Wärme liefern. Dieses Jahr rechnen die Projektbeteiligten mit größerer Ausbeute. Zwei Tage lang ernten die Maschinen die Pappelreihen am äußeren Grüngürtel ab, während im Hintergrund das Braunkohlekraftwerk Neurath Wolken in die Luft bläst.

Die Stunde der Statistiker

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Die Datenflut macht das oft belächelte Fach Statistik begehrter denn je. Zahlenprofis können sich vor Angeboten kaum retten. Aber intelligente Maschinen sorgen für Unsicherheit.

in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11. November 2017

Ursprünglich wollte Anna Dobelmann Konditorin werden. Doch schon nach dem ersten Ausbildungsjahr wusste sie: „Das ist nicht das, was ich die nächsten 50 Jahre machen möchte.“ Als ihr älterer Bruder gerade das Studienfach wechselte und mit der Statistik liebäugelte, befasste sich die 21-Jährige aus Herne genauer mit dem Studiengang. „Ich fand es interessant, dass man in der Statistik so viele Freiheiten hat und sich später mit Nebenfächern spezialisieren kann.“ Mathematik habe sie schon in der Schule interessiert – „bis zum Leistungskurs“, sagt sie und schmunzelt. Jetzt studiert sie im dritten Semester Statistik an der Technischen Universität (TU) Dortmund.

Im Alltag begegnen uns Statistiken sehr häufig – ob beim Sport, bei Benzinpreisen oder Meinungsumfragen. Und wer Statistik hört, denkt vermutlich zuerst an trockene Zahlen und Wahrscheinlichkeiten, vielleicht gar an das – fälschlich dem ehemaligen britischen Premierminister Winston Churchill zugeschriebene – Bonmot vom Vertrauen in die selbst gefälschte Statistik. „Dass Statistik Erbenszählerei und eine nüchterne Materie sei – das ist ein negatives Image. Aber das hat sich inzwischen geändert“, sagt Walter Krämer, Professor für Statistik an der TU Dortmund. Vor einigen Jahren hätten etwa die Studierendenzahlen in Dortmund noch unter dem Soll gelegen. Inzwischen aber gebe es deutlich mehr junge Leute, die sich nach dem Abitur für ein Statistikstudium interessieren, sagt Krämer, auch dank intensiver Öffentlichkeitsarbeit an Schulen. Begriffe wie „Big Data“, „Data Science“ und „Data Analyst“ machen das Fach attraktiver. Google-Chefökonom Hal Varian sagte bereits 2009, Statistiker sei der „sexiest job of the 21st century“.

Doch kein Traumjob ist ohne Tücken. „Es gibt eine große Hürde“, sagt Wissenschaftler Krämer. „Und die heißt Mathematik.“ Daran scheiterten viele, gerade in den ersten Semestern. Studentin Anna Dobelmann kann das bestätigen: „Analysis zum Beispiel ist schon sehr anspruchsvoll. Das muss man erstmal schaffen.“ Doch wer diese Hürde nimmt, hat auf dem Arbeitsmarkt eine optimale Ausgangsposition: „Die Berufsaussichten für Statistiker sind exzellent. Die Arbeitslosenquote unserer beinahe 2.000 Absolventen liegt bei null Prozent“, erläutert Krämer.

Der Grund dafür liegt eigentlich auf der Hand: Durch die Digitalisierung und den wachsenden Einsatz von Sensoren fallen in immer mehr Wirtschaftszweigen große Datenmengen an – Stichwort: „Big Data“. Um aus diesen Daten Erkenntnisse zu gewinnen, braucht es zunehmend Fachleute, die das Handwerkszeug dafür mitbringen. Die sind aber insgesamt knapp, was nicht zuletzt an den begrenzten Studienmöglichkeiten liegt: Im anglo-amerikanischen Raum gibt es an den meisten Universitäten ein eigenes Department of Statistics. In Deutschland dagegen hat nur die TU Dortmund eine eigene Statistik-Fakultät, Statistikstudiengänge bieten die Hochschulen in München und Magdeburg an. Masterprogramme finden sich darüber hinaus an nur sechs weiteren Universitäten. Kein Wunder also, dass Nachwuchsstatistiker meist zwischen mehreren Jobangeboten wählen können. Neben klassischen Tätigkeiten bei Banken, Versicherungen oder in der Marktforschung warten gutbezahlte Positionen in der Forschung, in der Pharmaindustrie, in der Logistik oder im Versandhandel.

„Fachleute mit Statistikkenntnissen sind bei uns in verschiedenen Bereichen händeringend gesucht“, sagt Frank Surholt, stellvertretender Pressesprecher des Versandhändlers Otto aus Hamburg. Daten-Fachleute brauche es vor allem für die Auswertung von Kunden- und Marktdaten, in der sogenannten Business Intelligence. Auch beim Online-Shop fielen haufenweise Daten an. Eine hochkomplexe Aufgabe etwa sei es, aus vorhandenen Daten Vorhersagen für das zukünftige Kaufverhalten zu treffen. „Die Erkenntnisse der Experten beeinflussen dann beispielsweise, an welchem Lagerstandort wie viele Waschmaschinen vorrätig sind“, erläutert Surholt. Je präziser die Prognose, desto kürzer müssten die Geräte gelagert werden. Das spare Kosten und verkürze die Lieferzeiten. Statt nach ein paar Tagen erhielten Kunden ihre Bestellung innerhalb von 24 Stunden, sagt Surholt.

„Wir suchen vor allem Leute, die über den Tellerrand hinausschauen und die um die Ecke denken“, sagt der Otto-Sprecher. Wann beispielsweise ein bestimmter Artikel besonders stark nachgefragt wird, hänge von vielen Faktoren ab. So könne zum Beispiel das T-Shirt der Moderatorin einer beliebten Fernsehsendung die Nachfrage stark beeinflussen – auch solche realitätsnahen Aspekte müssten Data Scientists auf dem Schirm haben. Wer lieber alleine im stillen Kämmerlein arbeite, habe weniger gute Aussichten. Schließlich sei die Arbeit in agilen Teams organisiert, Datenexperten müssten sich ständig mit anderen Fachleuten wie etwa Programmierern austauschen.

Die wachsende Nachfrage nach Statistikexperten bestätigt auch Bernd Schmitz. Der Leiter des Personalmarketings beim Chemie- und Pharmariesen Bayer nennt für global tätige Unternehmen interkulturelle Kompetenzen als Schlüsselqualifikation. Für Einstiegspositionen gebe es noch keinen Mangel. Aber für viele Aufgaben im Unternehmen seien Spezialisten gefragt, die im Idealfall schon während des Studiums Berufserfahrung gesammelt haben. „Leute, die sich auf Biostatistik spezialisiert oder die ein mehrmonatiges Praktikum in der Entwicklung absolviert haben, sind schon sehr rar“, sagt er. In der Regel lasse sich die Spezialisierung auch später noch nachholen, ein klarer Vorteil sei sie aber allemal.

Dass sich universitäre Ausbildung und Berufspraxis mitunter stark unterscheiden, schildert Alexander Gerharz aus München. Der 23-Jährige studiert Statistik im dritten Mastersemester an der renommierten Ludwig-Maiximilians-Universität (LMU), arbeitet nebenher als Werkstudent und sagt: „Schon in den ersten Tagen im Job wird klar: An der Uni geht es häufig um Idealfälle. Die Realität ist meist dann doch komplizierter.“ Eine Herausforderung sei es zudem, Kunden ohne tieferes Statistikwissen die Ergebnisse verständlich zu machen, etwa durch Visualisierung. Er könne sich zum Beispiel eine Zukunft in der statistischen Beratung mit Kunden aus unterschiedlichen Bereichen sehr gut vorstellen.

Walter Krämer von der TU Dortmund verweist auf ein anderes Feld für Statistiker mit hohem Bedarf und also sehr guten Aussichten: die amtliche Statistik. „In statistischen Bundes- und Landesbehörden und in städtischen Statistikämtern sind EU-weit etwa 1.000 Akademikerstellen zu besetzen – jedes Jahr“, sagt er. In einem Aufsatz schildert Markus Zwick, Honorarprofessor für Statistik an der Goethe-Universität Frankfurt, die Herausforderungen, die Big Data für diesen Zweig der Statistik mit sich bringt. Konsens der Forschung sei es, „dass sich das Profil des künftigen Amtsstatistikers in weiten Bereichen wandeln wird.“ Neben Statistikkenntnissen, IT-Fertigkeit und analytischer Expertise seien zunehmend auch Managementfertigkeiten, Kommunikations- und Visualisierungsfähigkeiten gefragt.

Das Problem allerdings: Häufig verdienen Statistiker in der freien Wirtschaft deutlich besser. Gleichzeitig seien die Anforderungen sehr hoch: „Die universitäre Ausbildung in Statistik ist in der Regel für die praktische statistische Arbeit in statistischen Ämtern nicht ausreichend“, schreibt Zwick. Daher böten die meisten Ämter interne Weiterbildungen an – die sind allerdings kostspielig. Gegen den Nachwuchsmangel scheint die EU-Kommission gerade verstärkt anzugehen: Seit 2014 entwickelt sie mit dem European Master in Official Statistics (EMOS) ein postgraduales, europaweites Master-Programm. An dem Netzwerk sind inzwischen Universitäten aus 14 EU-Ländern beteiligt.

Die Zukunftsaussichten für Statistiker sind also insgesamt glänzend, die Anwendungsgebiete vielfältig. Bleibt die Frage, ob sie irgendwann ersetzt werden – wenn etwa intelligente Maschinen selbst statistische Modelle entwickeln können. Darüber macht sich René Mathieu, 26 Jahre alt und Masterstudent in Dortmund, keine Sorgen. Er sieht Computer eher als Hilfsmittel. „Entscheidend ist immer die Frage, was ich eigentlich herausfinden will – das kann man im Zweifel auch auf Papier machen.“

So sieht es auch Walter Krämer aus Dortmund: Auf Teilgebieten seien die Maschinen überlegen, vor allem, wenn es darum gehe, „die Nadel im Heuhaufen zu finden“ – wo es also gilt, in riesigen Datenmengen minimale, statistisch relevante Abweichungen zu finden. „Aber es bleibt dabei: In den Anwendungen wie der Arzneimittelforschung oder der Wetterprognose geht es vor allem um ein gutes Modell. Und das kann der Mensch jetzt und auf absehbare Zeit immer noch besser“, sagt Krämer.

Zusammenhalt am Stadtrand

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Rund 2.000 Menschen über 60 Jahre wohnen in Neubrück im Bezirk Kalk, oft schon seit vielen Jahren. Wer sich bei ihnen umhört, erfährt: Trotz aller Probleme ist das Leben im Veedel besser als sein Ruf.

in: KölnerLeben, Oktober/November 2017

Ellisabeth Kleinermanns hält ein schmales weißes Gerät in der Hand. Es sieht aus wie eine Fernbedienung. Sie schwingt das Gerät energisch nach vorne. „Mensch, wieder nicht alle getroffen“, sagt die 79-Jährige mit gespieltem Ärger. Jetzt ist Liesel Koch (79) an der Reihe. Im „Treff im Pavillon“ in Neubrück kommen an diesem Donnerstagvormittag sechs Damen zum Bowlingspielen zusammen – allerdings nicht mit echten Kugeln und Pins, sondern mit einem Videospiel. Auf einem Fernsehschirm ist zu sehen, wie viele Kegel die Damen zu Fall gebracht haben.

Den „Treff im Pavillon“ haben das Seniorennetzwerk, der Bürgerverein, die Stadtteilbibliothek und das Sozialraumprojekt gemeinsam ins Leben gerufen. Seit gut zehn Jahren ist er die zentrale Anlaufstelle im Veedel, in dem 9.000 Menschen leben. Der Stadtteil im Kölner Osten grenzt an Ostheim und Merheim. Etwa 2.000 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren wohnen hier, zirka ein Drittel der Bewohner Neubrücks ist über 65 Jahre alt, viele von ihnen sogar älter als 80.

Welche Bedürfnisse die Senioren im Stadtteil haben, hat vor einigen Jahren die Initiative „GÄWIN – Gut älter werden in Neubrück“ zusammengetragen. Eines der Ergebnisse ist der Seniorenkalender. „Eine einfache, aber wertvolle Informationsquelle, die gut ankommt“, sagt Sylvia Schrage vom Bürgerverein Neubrück. Die Palette reicht von Gymnastik, Yoga und Pilates über Badminton, Volleyball und Schach bis hin zu verschiedenen, selbstorganisierten Seniorengruppen. Einmal in der Woche erklären Jugendliche den Älteren, wie Handys und Tablets funktionieren. Manchmal ergibt sich daraus das nötige Vertrauen für die TaschenGeldBörse, bei der die Jungen den Alten im Garten oder beim Einkaufen helfen.

Imageprobleme und Initiativen 

Manch Neubrücker lebt bereits seit 1965 im Stadtteil, als die Siedlung aus dem Boden gestampft wurde, dort, wo sich zwischen 1937 und 1945 das Rollfeld des Fliegerhorstes Ostheim befand. Zum Bau kam es allerdings erst, nachdem sich der damalige Bundeskanzler und ehemalige Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer dafür eingesetzt hatte.

Seither hat sich viel getan in der „Konrad-Adenauer-Siedlung“, wie der Stadtteil im Volksmund heißt: Inzwischen hat mehr als die Hälfte aller Neubrücker einen Migrationshintergrund, die Arbeitslosigkeit liegt mit mehr als 13 Prozent etwas über dem Kölner Durchschnitt. Doch hier kommt etwas in Bewegung. „Seit Mai gibt es im Treff ein niedrigschwelliges Beratungsangebot des Jobcenters“, sagt Andreas Hansmann, Sozialraumkoordinator für Neubrück von Veedel e. V. Zur nächsten Filiale müssten die Menschen sonst eine Dreiviertelstunde Anfahrt auf sich nehmen. „Für einfache Anfragen ist das eine hohe Hürde“, sagt Hansmann.

Als weiteres Problem gilt bei vielen die Kriminalität. „Neubrück hat in dieser Hinsicht ein schlechtes Image“, sagt Sylvia Schrage vom Bürgerverein. Tatsächlich passiere hier nicht mehr als anderswo, sagt Schrage. Die Polizei versucht jedoch, das Sicherheitsgefühl insbesondere älterer Menschen zu verbessern. So gibt sie Senioren Tipps, wie sie sich davor schützen können, etwa während des Einkaufs Opfer von Diebstählen zu werden.

Die Nahversorgung sei sehr gut, sind sich die Damen beim Seniorentreff einig. „Apotheken und Ärzte haben wir direkt vor der Haustür“, sagt Helga Engels (71). Auch die Geschäfte des täglichen Bedarfs gibt es in der kleinen Fußgängerzone rund um die Kirche St. Adelheid. Allerdings wünschen sie sich zusätzlich zum Discounter einen weiteren Supermarkt, auch ein Metzger fehle. Schön sei der Markt einmal in der Woche. Unverständlich finden jedoch viele Anwohner, wieso sich bei der Umgestaltung des unattraktiven Markt- und Spielplatzes so wenig tut. Pläne und Konzepte dafür gibt es schon seit Längerem. „Wahrscheinlich geht es hier ab 2018 endlich los“, hofft Sozialraumkoordinator Andreas Hansmann.

Neubrück ist gewiss nicht „die fortschrittlichste Siedlung in ganz Deutschland, vielleicht sogar der ganzen Welt“, wie Adenauer 1965 bei der Grundsteinlegung hoffnungsfroh meinte. Dennoch steht für die Damenrunde beim Seniorentreff fest, dass sie in Neubrück wohnen bleiben möchten und dass es sich hier gut leben lässt. Das liege vor allem am tollen Zusammenhalt: „Wir sprechen über Trauriges, schimpfen auch mal. Aber meistens lachen wir zusammen“, sagt Ellisabeth Kleinermanns und räumt beim Videospiel noch ein paar Kegel ab.

Kölns klassische Klangkörper

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in: KölnerLeben, Oktober/November 2017

Köln ist die Heimat dreier renommierter Orchester, die die Liebhaber klassischer Musik verwöhnen. Wie sieht das Leben eines Orchestermusikers aus? Wie wird man Ensemblemitglied im Gürzenich-Orchester? Der Solo-Oboist Tom Owen gewährt Einblicke in das Innere des städtischen Musikensembles.

Es ist eines der berühmtesten Anfangsmotive der klassischen Musik überhaupt, das am 22. November 1857 den Konzertsaal des Gürzenich erfüllt: Die markant-rhythmischen Anfangstöne von Beethovens Fünfter Sinfonie gaben den Auftakt zum ersten Gürzenich-Konzert. Der städtische Fest- und Tanzsaal, in dem seit 1821 immer wieder Konzerte stattgefunden hatten, galt seinerzeit als einer der schönsten Konzertsäle und wurde nun die feste Spielstätte des Städtischen Orchesters. Der Volksmund taufte es schon bald „Gürzenich-Orchester“, doch erst seit November 1945 trägt das Orchester auch offiziell diesen Namen.

Seit der Spielzeit 2015/16 ist Francois-Xavier Roth Chefdirigent. Beeindruckend liest sich auch die Liste der Gastdirigenten, darunter berühmte Namen wie Johannes Brahms, Richard Strauss und Gustav Mahler. Letzterer schrieb 1904 in einem Brief an seine Frau Alma: „Das Orchester ist entzückend, eine wahre Freude!“

130 Musiker spielen im Gürzenich-Orchester

Heute ist das Gürzenich-Orchester mit klassischen und zeitgenössischen Werken eines der führenden Ensembles in Deutschland. Als Orchester der Oper Köln, wo es an bis zu 160 Vorstellungen im Jahr mitwirkt, trägt es maßgeblich zum Erfolg dieses Hauses bei. Dazu kommen in jeder Saison 50 Konzerte, die es als eines der beiden Hausorchester der Kölner Philharmonie gibt.

Auch international genießen die beinahe 130 Gürzenich-Musiker einen hervorragenden Ruf, so zum Beispiel Tom Owen. Der 37-jährige gebürtige Engländer ist seit 2006 Solo-Oboist. Zudem spielt er als Gastmusiker regelmäßig mit anderen Orchestern.

Vor der Harmonie: Hartes Bewerbungsverfahren

Wer Orchestermusiker werden will, muss nicht nur Fleiß und Talent mitbringen, sondern auch einen harten Bewerbungsprozess durchlaufen. „Es gehören eine gehörige Portion Glück und die richtige Tagesform dazu“, sagt Owen. Denn die wenigen freien Plätze sind heiß begehrt. Auf eine Stelle bewerben sich bis zu 200 Künstler, etwa 20 bis 40 werden zum Vorspielen eingeladen – und da hat jeder nur fünf Minuten Zeit, um zu überzeugen. „In diesen fünf Minuten hören alle Orchestermitglieder genau hin und überlegen, ob der jeweilige Bewerber zu ihnen passt“, erzählt Owen. Das Verfahren ist demokratisch und transparent, jedes Ensemblemitglied hat eine Stimme.

War das Solo-Vorspiel erfolgreich, folgt die zweite Bewerbungsrunde. Diesmal spielt der Kandidat mit dem gesamten Orchester, zu dem Streichinstrumente, Holz- und Blechbläser sowie Pauken, Schlagzeug und Harfe gehören. Dabei kommt es darauf an, wie gut er mit den Mitspielern harmoniert und wie er auf die Anweisungen des Dirigenten reagiert. „Es kommt durchaus vor, dass wir uns am Ende für keinen der Bewerber entscheiden“, erläutert Owen. Die harten Aufnahmebedingungen seien jedoch keine Schikane, sondern notwendig. „Schließlich spielen wir für die nächsten dreißig, vierzig Jahre zusammen. Da muss schon alles passen – für beide Seiten“, begründet der Oboist die Vorgehensweise. Ein neues Ensemblemitglied erhält zunächst einen Vertrag über ein Jahr. Erst nach dieser Probezeit gilt die Festanstellung bei der Stadt Köln bis zur Rente.

Üben macht den Meister

Fast jeden Tag probt das Orchester, meist etwa drei Stunden, oft auch länger. „Die längste Probe dauerte acht Stunden. Der Dirigent wollte viel ausprobieren“, sagt Tom Owen. Schließlich habe jeder Dirigent eine eigene Vorstellung davon, wie das Orchester die Noten auf dem Papier in Klang übersetzen soll. Wenn keine gemeinsamen Proben stattfinden üben die Musiker etwa zwei bis drei Stunden alleine. Auch das gehöre laut Arbeitsvertrag zum Job, sagt Owen. „manchmal würde ich mir wünschen, der Tag hätte noch zehn Stunden mehr“, sagt der Engländer. Denn zusätzlich zu Orchester- und Solokonzerten verfolgt er noch weitere Projekte, gibt Meisterkurse an der Folkwang Hochschule in Essen, in England und Italien.

Kammermusik als Herzensangelegenheit

Besonders am Herzen liegt Owen der Verein „Kammermusik für Köln“, den er 2011 mitgegründet hat. „Die Konzerte mit weniger Musikern sind sehr intim, Publikum und Musiker können sich fast anfassen“, sagt Owen. So komme man leicht miteinander ins Gespräch. Der Verein will die Kammermusik stärken, ihr etwa zu einem eigenen Kammermusiksaal verhelfen. „Das wäre wirklich eine tolle Sache“, sagt Owen mit leuchtenden Augen.

Die Mitgliederstärke variiert bei der Kammermusik stark: In kleinen Ensembles spielen nur wenige Musiker, manche Kammerorchester sind mit etwa fünfzig Musikern besetzt. Auch wenn bislang ein fester Spielort für kleine Klangkörper fehlt: Die Kammermusik hat in Köln Tradition. Bereits am 23. November 1923 fand im gerade errichteten Gebäude des Kunstvereins am Friesenplatz das erste Konzert des Kölner Kammerorchesters statt – es ist das älteste Kammerorchester Deutschlands. Auf dem Eröffnungsprogramm standen Werke von Händel, Vivaldi, Bach und Vitali. Einer der prägenden Künstler des Kammerensembles war der 2012 verstorbene Helmut Müller-Brühl. Der Dirigent und Musikwissenschaftler hatte 1958 in seiner Heimatstadt die Brühler Schlosskonzerte ins Leben gerufen: Im Schloss Augustusburg, dem kurfürstlichen Jagd- und Sommerschloss, finden seither jeden Sommer etwa 25 Konzerte statt.

Konzertreisen zu allen Kontinenten

Müller-Brühl übernahm 1963 die Leitung des Kölner Kammerorchesters. Zwischen 1976 und 1986 musizierte es unter dem Namen Capella Clementina ausschließlich auf historischen Instrumenten. Müller-Brühl setzte damit Maßstäbe für die Wiederbelebung des barocken Musiktheaters. Neben Tonträgeraufnahmen und Konzertreisen auf der ganzen Welt tritt das Kölner Kammerorchester regelmäßig in der Kölner Philharmonie auf: Seit 1988 wird dort jährlich die Konzertreihe „Das Meisterwerk“ gegeben.

Überhaupt ist die Philharmonie seit ihrer Einweihung im September 1986 einer der wichtigsten Orte für klassische Musik in Köln. Regelmäßig füllen bis zu 2.200 Zuschauer den mehr als 2.500 Quadratmeter großen, muschelförmigen Saal. Neben dem Gürzenich-Orchester ist das WDR Sinfonieorchester das zweite Hausorchester der Philharmonie. Gegründet 1947, feiert es in der Spielzeit 2017/18 sein 70-jähriges Bestehen. Spezialisiert auf musikalische Werke des 20.Jahrhunderts, fertigten Komponisten wie Igor Strawinsky, Karlheinz Stockhausen und Bernd Alois Zimmermann Auftragsarbeiten für das Orchester an.

Konzertreihen für jeden Geschmack

Mit einem breiten Programm und neuen Formaten möchte das WDR-Ensemble unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen für klassische Musik begeistern: Bei der Reihe „SinfoniePlus“ etwa erhalten Schulklassen und junge Musikfans bis 25 Jahre in Begleitung von Lehrpersonen freien Eintritt, Moderatoren geben Hörtipps und erzählen spannende Anekdoten aus der Welt der Musik.

Ein besonderes Angebot hält das WDR Sinfonieorchester seit fünf Jahren für ältere Menschen mit Demenzerkrankungen bereit. Organisiert von der privaten Initiative dementia+art, spielt ein Kammermusikensemble des Sinfonieorchesters regelmäßig für etwa achtzig Menschen mit fortgeschrittener Demenz, ihre Begleitpersonen und Angehörigen. „Bei Demenz steht häufig im Vordergrund, was alles nicht mehr geht“, sagt Jochen Schmauck-Langer, Initiator von dementia+art. Er hingegen wolle zeigen, was trotz der Erkrankung noch möglich ist. Die etwa sechzigminütigen Konzerte sind kostenlos, barrierefrei und finden regen Anklang – übrigens auch bei den Musikern: „Immer wieder berichten die Künstler begeistert, wie gebannt die Zuhörer der Musik lauschen – oft sogar aufmerksamer als bei anderen Konzerten“, sagt Schmauck-Langer. Als günstig hätten sich bekanntere Werke aus Klassik, Romantik und Barock erwiesen, und am Ende gebe es stets drei Volkslieder zum Mitsingen. Es sei für alle Beteiligten immer sehr bewegend, wie sich Betroffene und Angehörige darüber freuen, dass sie weiterhin an der Kultur teilhaben können, ergänzt er.

Musik bewegt – alle

Die Kammerensembles des Gürzenich-Orchesters spielen in Senioreneinrichtungen für Menschen, die selbst keine Konzerte mehr besuchen können. Dies weckt manch vergessen geglaubte Erinnerung, sorgt für Freude und Lebenslust. „Das ist doch das Tolle an der Musik“, sagt Tom Owen. „Sie lässt Menschen fühlen und bringt sie mit anderen in Kontakt.“ Wenn der Engländer über Musik spricht, spürt man seine Begeisterung. In kaum einem anderen Land gebe es so viele Orchester wie in Deutschland, das Publikum wisse die Kultur sehr zu schätzen und auch Köln besitze mit seinen vielfältigen Ensembles einen reichen Schatz. Gürzenich-Kapellmeister Francois-Xavier Roth, gleichzeitig Generalmusikdirektor der Stadt Köln, ist für ihn eine inspirierende Persönlichkeit. „Seine Energie ist einfach ansteckend“, sagt Owen. Auch deshalb ist er sich sicher: „Hier in Köln wird sich noch viel entwickeln. “

Darts-Elite lässt Lanxess-Arena brodeln

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Wie Boxkampf und Elfter im Elften: 8.000 Fans feiern die Helden der Szene

in: Kölnische Rundschau, 1. November 2017

Seine Augen fest aufs Ziel gerichtet, sein ganzer Körper konzentrierte Spannung. Dann schlägt der Pfeil in der Dartscheibe ein. Michael van Gerwen, die Nummer Eins der Weltrangliste, verzieht enttäuscht das Gesicht. Dann der nächste Pfeil. Und noch einer. Der 28-jährige Niederländer schüttelt seinen bulligen, kahlrasierten Kopf. Nur 25 Punkte für „Mighty Mike“ bei seinem ersten Versuch. Buh-Rufe.

Es ist das Finale der ersten Cologne Darts Gala. 8000 Menschen feiern in der Lanxess-Arena ihre Helden. Die Stimmung ähnelt der am Elften im Elfen: Bauarbeiter, Funkemariechen, Comic-Figuren und Indianer bevölkern die Arena, auf den Tische ein Kölsch-Fässchen neben dem anderen.

Und der Jubel ist groß, als der große Kontrahent an der Reihe ist: Peter „Snakebite“ Wright, die Nummer Zwei der Welt. Der 47-jährige Schotte ist mit einem rot-weißen Irokesenschnitt nach Köln gekommen. Er ist einer der schrillsten Typen der internationalen Darts-Szene – und eindeutig der Publikumsliebling.

Einen Bezug zum Sport haben die wenigsten Zuschauer. „Ich schätze, 6000 von 8000 Leuten haben Darts noch nie live gesehen“, sagt Veranstalter Wolfgang Pütz. Das Event sei seit Monaten ausverkauft. In Köln treten neben van Gerwen und Wright der Nordire Daryl Gurney und der Australier Simon Whitlock an. Es geht heute zwar nicht um Titel und Triumphe, doch immerhin winken dem Sieger ein Pokal und ein Kleinwagen. Im Vordergrund steht der Spaß, die Party, aber natürlich soll die Gala den Sport ins Rampenlicht rücken.

„In Deutschland ist Darts richtig groß geworden in den letzten Jahren“, sagt Wayne Mardle, ehemaliger Profi und TV-Experte. Es gibt zahlreiche Ligen, der Deutsche Darts Verband zählt gut 11 000 Mitglieder. Und immer mehr Menschen schauen sich den „Kneipensport“ im Fernsehen an. Max Hopp gilt mit erst 21 Jahren als größtes Talent hierzulande.

Um 20 Uhr dröhnen die Bässe aus den Boxen, Scheinwerfer flackern über die Zuschauer, während die Profis, begleitet von individueller Einmarschmusik und Security, in einem Golfkart zur Bühne fahren. Das Publikum johlt, die Arena brodelt. „Die Stimmung ist fantastisch“, sagt Marianne Trojan, 43, aus Overath. Sie ist zum ersten Mal beim Darts. Auch ihre Bekannte Elke Brombach, 49, ist begeistert: „Wie Karneval!“, sagt sie, während „Querbeat“ die Bühne beschallen. Gespielt wird in der Variante „501“. Dabei werfen die Spieler abwechselnd drei Pfeile auf die Scheibe. Die jeweils erreichte Punktzahl wird von der Gesamtsumme 501 abgezogen. Wer zuerst vier von sieben Runden – „Legs“ – gewinnt, gewinnt das Spiel. Die höchste Punktzahl bringt nicht ein Treffer im „Bull“s Eye“, in der Mitte der Dartscheibe, sondern im dreifach gewerteten 20er-Feld – bei drei Treffern ein sogenannter „180er“.

Auf großen Leinwänden hinter der Bühne und auf den Monitoren hoch oben über der Arena verfolgen die Zuschauer das Geschehen, bejubeln jeden „180er“, feuern die Stars mit Sprechchören an. In einer Vorrundenpartie gelingt Publikumsliebling Peter „Snakebite“ Wright sogar ein „9 Darter“ – das perfekte Spiel im Darts, so etwas wie ein Hattrick beim Fußball. Aber jetzt muss Wright im Finale gegen Michael van Gerwen ran. Dem fehlen nur noch 25 Punkte zum Sieg. Er wirft den Pfeil. Der landet genau, wo er soll. Die Nummer Eins der Welt ist auch an diesem Abend in Deutz die Nummer Eins.

„Morgen geh ich zum Sozialamt“

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Die Zeltinger Band präsnetierte ihr neues Album im Blue Shell

in: Kölnische Rundschau, 26. Oktober 2017

Vor der Bühne tummeln sich die Fans der ersten Stunde, wie ihre teils grauen Haare vermuten lassen. Als die Band um Jürgen Zeltinger zum Klassiker „Kölsche Junge“ die Bühne des Blue Shell betritt, rumpelt das Schlagzeug, die E-Gitarren krachen los. „Krank!“ heißt das neue Album, das die Kölsch-Punk-Truppe am Dienstagabend vorstellte. Darauf finden sich neben neuen Songs Neueinspielungen alter Hits. Der Albumtitel nimmt – klar, ironisch – Bezug auf Zeltingers Malaisen der letzten Jahre, darunter eine manische Depression und ein neurologischer Notfall. Mit Zeilen wie „Morgen geh ich zum Sozialamt, da gibt es Geld“ begründete „de Plaat“, wie Fans die „Frontsau“ nennen, den „Asi-Rock“. Stiller wurde es beim neuen „Er war gerade 18 Jahr“, aber die Zugabe „Müngersdorfer Stadion“ sang das Publikum beinahe lauter als der Sänger. „Dries jet op dä Dress“, heißt es darin. Das dürfte Zeltingers Haltung auf den Punkt bringen. „Plaats“ Punk ist offenbar noch nicht tot. Höchstens ein bisschen „krank“.

Keine Blase in Sicht

von
Kölner Haus- und Grundbesitzerverein eröffnet neues Gesprächsformat über Wirtschaftsthemen
in: Kölnische Rundschau, 1. September 2017

Wie steht es um die wirtschaftliche Lage in Deutschland und Europa? Was tut sich auf dem  Immobilienmarkt? Um diese und andere Fragen ging es bei den ersten Kölner Wirtschaftsgesprächen – eine neue Reihe, die der Haus- und Grundbesitzverein am Mittwochabend im Hotel Excelsior Ernst eröffnete. Gesprächspartner war Claus Tigges, Präsident der Bundesbank-Hauptverwaltung in Berlin und Brandenburg. Vereinsvorsitzender Konrad Adenauer begrüßte zunächst die etwa 120 Gäste, darunter Vertreter aus Politik und Wirtschaft sowie private Hausbesitzer. Dr. Hildegard Stausberg moderierte die Veranstaltung.

Die globale Wirtschaftslage habe sich insgesamt aufgehellt, sagte Tigges. Im Euroraum hätten sich die Konjunkturen der einzelnen Länder inzwischen angeglichen, insbesondere Deutschland befinde sich nach der Finanzkrise von 2008 und 2009 nun schon im achten Jahr des Aufschwungs. Möglich sei bei der Wachstumsrate demnächst sogar eine „zwei vor dem Komma“. Günstig wirke sich vor allem die niedrige Arbeitslosigkeit aus.

Tigges, zwischen 2001 und 2009 Wirtschaftskorrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung für die USA und Mexiko, beobachtete die Entstehung der US-amerikanischen „Immobilienblase“ damals aus nächster Nähe. Seiner Einschätzung nach gebe es zwar einige systemische Risiken bei Wohnimmobilien. Für eine neuerliche Blase hinzukommen müsse allerdings eine riskante Kreditvergabe der Banken – und die beobachte die Bundesbank als Aufsichtsbehörde derzeit nicht.

Auf die Publikumsfrage nach der Mietentwicklung in Großstädten wie Köln verwies Tigges darauf, dass Preiskontrollen wie die Mietpreisbremse „selten bis nie zum Ziel“ führten. Für sinnvoller halte er es, das Angebot an Wohnraum zu erhöhen. Wie dies gelingen könnte, etwa durch staatliche Anreize, ließ er offen.

Insel mit Aussicht

von

in: KölnerLeben, August/September 2017

Einige Kinder spielen mit Schaufel und Eimer im Sand, andere erklimmen den Leuchtturm. Ein Junge und ein Mädchen jauchzen, während sie auf der Robbenwippe auf- und niedersausen. Der neu gestaltete Spielplatz am Hartenfelsweg gleicht einer Strandlandschaft – seit April dieses Jahres tummeln sich dort Kinder und Jugendliche, auf der Boule-Bahn spielen vor allem die Älteren. Auch auf dem Spielplatz am Pingenweg ist seit dem Frühjahr mehr Platz zum Tollen und Toben. Besonderes Highlight: Eine 30 Meter lange Seilbahn.

Die modernisierten Spielplätze sind zwei von elf Projekten, die im Zuge des so genannten „Integrierten Handlungskonzepts“ (IHK) für Lindweiler umgesetzt werden. Den Beschluss fasste der Rat Ende 2014. Bis zum Start verging allerdings ein Jahrzehnt: Bereits 2004 war sich die Bezirksvertretung Chorweiler einig, dass in Lindweiler etwas geschehen muss.

Zwei Seniorenclubs, aber keine Sparkasse

Kennzeichnend für Lindweiler ist seine „Insellage“: Die südliche Grenze ist die A1, im Westen verläuft die A57, im Norden der Chorweiler Zubringer, und im Osten trennt die Eisenbahnlinie nach Düsseldorf den Stadtteil von Heimersdorf ab. Die etwa 3.500 Einwohner leben je zur Hälfte in Mietwohnungen rund um die Ortsmitte Marienberger Hof sowie in den umliegenden Einfamilienhäusern, in letzteren vorwiegend ältere Menschen. Für sie gibt es im Haus Baden auch einige Altenwohnungen.

Zwei Seniorenclubs begegnen sich regelmäßig im Lindweiler Treff der Diakonie. „Zur Begrüßung singen wir immer ein Lied, dann spielen wir Karten, Bingo oder ‚Mensch ärgere Dich nicht‘“, erzählt Inge Zeitel vom Seniorennetzwerk Lindweiler, die die Gruppen leitet. Zum Treffen am Mittwoch bzw. Freitag kommen jeweils etwa 20 Personen, machen Gymnastik und Gedächtnistraining, und bei Kaffee und Kuchen plauschen die Senioren in geselliger Runde. Inge Zeitel kennt daher auch die Probleme der Älteren in Lindweiler genau: „Früher gab es mal eine Sparkasse“, sagt sie. Jetzt ist dort ein Kiosk. Auch eine Postfiliale vermissten viele der Älteren und eine Apotheke suche man vergeblich. „Wer nicht mehr Auto fahren kann, für den ist das schon ziemlich umständlich“, sagt Zeitel.

Von den Alltagsproblemen insbesondere der älteren Bevölkerung berichtet auch Hans-Jürgen Brause. Er vertritt die Bürger Lindweilers im Veedelsbeirat, der im Zuge des IHK ins Leben wurde. Dort können die Bürger Fragen stellen und Bedürfnisse äußern. „Viele wünschen sich kürzere Wege im Alltag“, sagt er. Es gebe zwar einen kleinen Supermarkt in der Ortsmitte, doch für alles andere müssten die Lindweiler einige Kilometer mit dem Bus oder dem Fahrrad in die angrenzenden Stadtteile fahren, nach Pesch, Chorweiler oder Longerich.

Die Ortsmitte rund um den Marienberger Hof soll ebenfalls neugestaltet werden. „Es gibt dort viel Leerstand“, sagt Vanessa Weller, Projektkoordinatorin für Lindweiler beim Amt für Stadtentwicklung und Statistik. Das kleine Zentrum soll attraktiver werden, einen neuen Bodenbelag und Sitzgelegenheiten erhalten. „Die Fertigstellung ist für 2019 geplant“, sagt Weller. Damit verbinden die Planer die Hoffnung, dass sich wieder mehr Geschäfte in Lindweiler ansiedeln.

„Da mache ich mir aber keine Illusionen“, sagt Hans-Jürgen Brause vom Veedelsbeirat. „Hier leben einfach zu wenige Leute. Für Unternehmen rechnet sich das möglicherweise nicht.“ Dennoch gehe es kleinen Schritten voran, sagt er. So seien etwa die garagengroßen Stromhäuschen künstlerisch gestaltet worden. „Das kostet nicht viel, ist aber wichtig für eine höhere Lebensqualität.“ Sichtbare Veränderungen zeigten den Bürgern, dass sich das gemeinsame Engagement lohnt.

Lino-Club für alle Generationen

„Mit den Mitteln aus dem Integrierten Handloungskonzept haben wir im Juni auch das Stadtteilfest zum 40-jährigen Jubiläum Lindweilers finanziert“, sagt Angelika Klauth. Sie ist zuständig für das soziale Quartiersmanagement in Lindweiler, und gemeinsam mit Hans-Josef Saxler leitet sie den Lino-Club. Das Kinder- und Jugendzentrum selbst soll schrittweise zu einem generationenübergreifenden Bürgerzentrum ausgebaut werden, mit dem Beschluss des Landes NRW rechnet die Stadt Ende 2017. „Man braucht schon einen langen Atem“, sagt Saxler. „Aber wenn Bands wie Pelemele oder Kasalla hier bei uns im Zirkuszelt auftreten, zieht das auch Menschen aus anderen Stadtteilen an“, sagt Klauth mit Blick auf die Veranstaltungen in Lindweiler. Für den Austausch über Veedelsgrenzen hinweg müsse man schon etwas tun, sind sich die beiden einig. „So kann aus dem Nebeneinander ein Miteinander werden“, sagt Saxler. In Lindweiler ist von Resignation keine Spur, und nach der langen Zeit des Wartens und des Nachhakens kommt allmählich Bewegung ins Veedel. Und das sind doch recht positive Aussichten für die „Insel“ Lindweiler.