David Korsten
Autor und Journalist

#Köln

Zusammenhalt am Stadtrand

von

Rund 2.000 Menschen über 60 Jahre wohnen in Neubrück im Bezirk Kalk, oft schon seit vielen Jahren. Wer sich bei ihnen umhört, erfährt: Trotz aller Probleme ist das Leben im Veedel besser als sein Ruf.

in: KölnerLeben, Oktober/November 2017

Ellisabeth Kleinermanns hält ein schmales weißes Gerät in der Hand. Es sieht aus wie eine Fernbedienung. Sie schwingt das Gerät energisch nach vorne. „Mensch, wieder nicht alle getroffen“, sagt die 79-Jährige mit gespieltem Ärger. Jetzt ist Liesel Koch (79) an der Reihe. Im „Treff im Pavillon“ in Neubrück kommen an diesem Donnerstagvormittag sechs Damen zum Bowlingspielen zusammen – allerdings nicht mit echten Kugeln und Pins, sondern mit einem Videospiel. Auf einem Fernsehschirm ist zu sehen, wie viele Kegel die Damen zu Fall gebracht haben.

Den „Treff im Pavillon“ haben das Seniorennetzwerk, der Bürgerverein, die Stadtteilbibliothek und das Sozialraumprojekt gemeinsam ins Leben gerufen. Seit gut zehn Jahren ist er die zentrale Anlaufstelle im Veedel, in dem 9.000 Menschen leben. Der Stadtteil im Kölner Osten grenzt an Ostheim und Merheim. Etwa 2.000 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren wohnen hier, zirka ein Drittel der Bewohner Neubrücks ist über 65 Jahre alt, viele von ihnen sogar älter als 80.

Welche Bedürfnisse die Senioren im Stadtteil haben, hat vor einigen Jahren die Initiative „GÄWIN – Gut älter werden in Neubrück“ zusammengetragen. Eines der Ergebnisse ist der Seniorenkalender. „Eine einfache, aber wertvolle Informationsquelle, die gut ankommt“, sagt Sylvia Schrage vom Bürgerverein Neubrück. Die Palette reicht von Gymnastik, Yoga und Pilates über Badminton, Volleyball und Schach bis hin zu verschiedenen, selbstorganisierten Seniorengruppen. Einmal in der Woche erklären Jugendliche den Älteren, wie Handys und Tablets funktionieren. Manchmal ergibt sich daraus das nötige Vertrauen für die TaschenGeldBörse, bei der die Jungen den Alten im Garten oder beim Einkaufen helfen.

Imageprobleme und Initiativen 

Manch Neubrücker lebt bereits seit 1965 im Stadtteil, als die Siedlung aus dem Boden gestampft wurde, dort, wo sich zwischen 1937 und 1945 das Rollfeld des Fliegerhorstes Ostheim befand. Zum Bau kam es allerdings erst, nachdem sich der damalige Bundeskanzler und ehemalige Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer dafür eingesetzt hatte.

Seither hat sich viel getan in der „Konrad-Adenauer-Siedlung“, wie der Stadtteil im Volksmund heißt: Inzwischen hat mehr als die Hälfte aller Neubrücker einen Migrationshintergrund, die Arbeitslosigkeit liegt mit mehr als 13 Prozent etwas über dem Kölner Durchschnitt. Doch hier kommt etwas in Bewegung. „Seit Mai gibt es im Treff ein niedrigschwelliges Beratungsangebot des Jobcenters“, sagt Andreas Hansmann, Sozialraumkoordinator für Neubrück von Veedel e. V. Zur nächsten Filiale müssten die Menschen sonst eine Dreiviertelstunde Anfahrt auf sich nehmen. „Für einfache Anfragen ist das eine hohe Hürde“, sagt Hansmann.

Als weiteres Problem gilt bei vielen die Kriminalität. „Neubrück hat in dieser Hinsicht ein schlechtes Image“, sagt Sylvia Schrage vom Bürgerverein. Tatsächlich passiere hier nicht mehr als anderswo, sagt Schrage. Die Polizei versucht jedoch, das Sicherheitsgefühl insbesondere älterer Menschen zu verbessern. So gibt sie Senioren Tipps, wie sie sich davor schützen können, etwa während des Einkaufs Opfer von Diebstählen zu werden.

Die Nahversorgung sei sehr gut, sind sich die Damen beim Seniorentreff einig. „Apotheken und Ärzte haben wir direkt vor der Haustür“, sagt Helga Engels (71). Auch die Geschäfte des täglichen Bedarfs gibt es in der kleinen Fußgängerzone rund um die Kirche St. Adelheid. Allerdings wünschen sie sich zusätzlich zum Discounter einen weiteren Supermarkt, auch ein Metzger fehle. Schön sei der Markt einmal in der Woche. Unverständlich finden jedoch viele Anwohner, wieso sich bei der Umgestaltung des unattraktiven Markt- und Spielplatzes so wenig tut. Pläne und Konzepte dafür gibt es schon seit Längerem. „Wahrscheinlich geht es hier ab 2018 endlich los“, hofft Sozialraumkoordinator Andreas Hansmann.

Neubrück ist gewiss nicht „die fortschrittlichste Siedlung in ganz Deutschland, vielleicht sogar der ganzen Welt“, wie Adenauer 1965 bei der Grundsteinlegung hoffnungsfroh meinte. Dennoch steht für die Damenrunde beim Seniorentreff fest, dass sie in Neubrück wohnen bleiben möchten und dass es sich hier gut leben lässt. Das liege vor allem am tollen Zusammenhalt: „Wir sprechen über Trauriges, schimpfen auch mal. Aber meistens lachen wir zusammen“, sagt Ellisabeth Kleinermanns und räumt beim Videospiel noch ein paar Kegel ab.

Kölns klassische Klangkörper

von

in: KölnerLeben, Oktober/November 2017

Köln ist die Heimat dreier renommierter Orchester, die die Liebhaber klassischer Musik verwöhnen. Wie sieht das Leben eines Orchestermusikers aus? Wie wird man Ensemblemitglied im Gürzenich-Orchester? Der Solo-Oboist Tom Owen gewährt Einblicke in das Innere des städtischen Musikensembles.

Es ist eines der berühmtesten Anfangsmotive der klassischen Musik überhaupt, das am 22. November 1857 den Konzertsaal des Gürzenich erfüllt: Die markant-rhythmischen Anfangstöne von Beethovens Fünfter Sinfonie gaben den Auftakt zum ersten Gürzenich-Konzert. Der städtische Fest- und Tanzsaal, in dem seit 1821 immer wieder Konzerte stattgefunden hatten, galt seinerzeit als einer der schönsten Konzertsäle und wurde nun die feste Spielstätte des Städtischen Orchesters. Der Volksmund taufte es schon bald „Gürzenich-Orchester“, doch erst seit November 1945 trägt das Orchester auch offiziell diesen Namen.

Seit der Spielzeit 2015/16 ist Francois-Xavier Roth Chefdirigent. Beeindruckend liest sich auch die Liste der Gastdirigenten, darunter berühmte Namen wie Johannes Brahms, Richard Strauss und Gustav Mahler. Letzterer schrieb 1904 in einem Brief an seine Frau Alma: „Das Orchester ist entzückend, eine wahre Freude!“

130 Musiker spielen im Gürzenich-Orchester

Heute ist das Gürzenich-Orchester mit klassischen und zeitgenössischen Werken eines der führenden Ensembles in Deutschland. Als Orchester der Oper Köln, wo es an bis zu 160 Vorstellungen im Jahr mitwirkt, trägt es maßgeblich zum Erfolg dieses Hauses bei. Dazu kommen in jeder Saison 50 Konzerte, die es als eines der beiden Hausorchester der Kölner Philharmonie gibt.

Auch international genießen die beinahe 130 Gürzenich-Musiker einen hervorragenden Ruf, so zum Beispiel Tom Owen. Der 37-jährige gebürtige Engländer ist seit 2006 Solo-Oboist. Zudem spielt er als Gastmusiker regelmäßig mit anderen Orchestern.

Vor der Harmonie: Hartes Bewerbungsverfahren

Wer Orchestermusiker werden will, muss nicht nur Fleiß und Talent mitbringen, sondern auch einen harten Bewerbungsprozess durchlaufen. „Es gehören eine gehörige Portion Glück und die richtige Tagesform dazu“, sagt Owen. Denn die wenigen freien Plätze sind heiß begehrt. Auf eine Stelle bewerben sich bis zu 200 Künstler, etwa 20 bis 40 werden zum Vorspielen eingeladen – und da hat jeder nur fünf Minuten Zeit, um zu überzeugen. „In diesen fünf Minuten hören alle Orchestermitglieder genau hin und überlegen, ob der jeweilige Bewerber zu ihnen passt“, erzählt Owen. Das Verfahren ist demokratisch und transparent, jedes Ensemblemitglied hat eine Stimme.

War das Solo-Vorspiel erfolgreich, folgt die zweite Bewerbungsrunde. Diesmal spielt der Kandidat mit dem gesamten Orchester, zu dem Streichinstrumente, Holz- und Blechbläser sowie Pauken, Schlagzeug und Harfe gehören. Dabei kommt es darauf an, wie gut er mit den Mitspielern harmoniert und wie er auf die Anweisungen des Dirigenten reagiert. „Es kommt durchaus vor, dass wir uns am Ende für keinen der Bewerber entscheiden“, erläutert Owen. Die harten Aufnahmebedingungen seien jedoch keine Schikane, sondern notwendig. „Schließlich spielen wir für die nächsten dreißig, vierzig Jahre zusammen. Da muss schon alles passen – für beide Seiten“, begründet der Oboist die Vorgehensweise. Ein neues Ensemblemitglied erhält zunächst einen Vertrag über ein Jahr. Erst nach dieser Probezeit gilt die Festanstellung bei der Stadt Köln bis zur Rente.

Üben macht den Meister

Fast jeden Tag probt das Orchester, meist etwa drei Stunden, oft auch länger. „Die längste Probe dauerte acht Stunden. Der Dirigent wollte viel ausprobieren“, sagt Tom Owen. Schließlich habe jeder Dirigent eine eigene Vorstellung davon, wie das Orchester die Noten auf dem Papier in Klang übersetzen soll. Wenn keine gemeinsamen Proben stattfinden üben die Musiker etwa zwei bis drei Stunden alleine. Auch das gehöre laut Arbeitsvertrag zum Job, sagt Owen. „manchmal würde ich mir wünschen, der Tag hätte noch zehn Stunden mehr“, sagt der Engländer. Denn zusätzlich zu Orchester- und Solokonzerten verfolgt er noch weitere Projekte, gibt Meisterkurse an der Folkwang Hochschule in Essen, in England und Italien.

Kammermusik als Herzensangelegenheit

Besonders am Herzen liegt Owen der Verein „Kammermusik für Köln“, den er 2011 mitgegründet hat. „Die Konzerte mit weniger Musikern sind sehr intim, Publikum und Musiker können sich fast anfassen“, sagt Owen. So komme man leicht miteinander ins Gespräch. Der Verein will die Kammermusik stärken, ihr etwa zu einem eigenen Kammermusiksaal verhelfen. „Das wäre wirklich eine tolle Sache“, sagt Owen mit leuchtenden Augen.

Die Mitgliederstärke variiert bei der Kammermusik stark: In kleinen Ensembles spielen nur wenige Musiker, manche Kammerorchester sind mit etwa fünfzig Musikern besetzt. Auch wenn bislang ein fester Spielort für kleine Klangkörper fehlt: Die Kammermusik hat in Köln Tradition. Bereits am 23. November 1923 fand im gerade errichteten Gebäude des Kunstvereins am Friesenplatz das erste Konzert des Kölner Kammerorchesters statt – es ist das älteste Kammerorchester Deutschlands. Auf dem Eröffnungsprogramm standen Werke von Händel, Vivaldi, Bach und Vitali. Einer der prägenden Künstler des Kammerensembles war der 2012 verstorbene Helmut Müller-Brühl. Der Dirigent und Musikwissenschaftler hatte 1958 in seiner Heimatstadt die Brühler Schlosskonzerte ins Leben gerufen: Im Schloss Augustusburg, dem kurfürstlichen Jagd- und Sommerschloss, finden seither jeden Sommer etwa 25 Konzerte statt.

Konzertreisen zu allen Kontinenten

Müller-Brühl übernahm 1963 die Leitung des Kölner Kammerorchesters. Zwischen 1976 und 1986 musizierte es unter dem Namen Capella Clementina ausschließlich auf historischen Instrumenten. Müller-Brühl setzte damit Maßstäbe für die Wiederbelebung des barocken Musiktheaters. Neben Tonträgeraufnahmen und Konzertreisen auf der ganzen Welt tritt das Kölner Kammerorchester regelmäßig in der Kölner Philharmonie auf: Seit 1988 wird dort jährlich die Konzertreihe „Das Meisterwerk“ gegeben.

Überhaupt ist die Philharmonie seit ihrer Einweihung im September 1986 einer der wichtigsten Orte für klassische Musik in Köln. Regelmäßig füllen bis zu 2.200 Zuschauer den mehr als 2.500 Quadratmeter großen, muschelförmigen Saal. Neben dem Gürzenich-Orchester ist das WDR Sinfonieorchester das zweite Hausorchester der Philharmonie. Gegründet 1947, feiert es in der Spielzeit 2017/18 sein 70-jähriges Bestehen. Spezialisiert auf musikalische Werke des 20.Jahrhunderts, fertigten Komponisten wie Igor Strawinsky, Karlheinz Stockhausen und Bernd Alois Zimmermann Auftragsarbeiten für das Orchester an.

Konzertreihen für jeden Geschmack

Mit einem breiten Programm und neuen Formaten möchte das WDR-Ensemble unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen für klassische Musik begeistern: Bei der Reihe „SinfoniePlus“ etwa erhalten Schulklassen und junge Musikfans bis 25 Jahre in Begleitung von Lehrpersonen freien Eintritt, Moderatoren geben Hörtipps und erzählen spannende Anekdoten aus der Welt der Musik.

Ein besonderes Angebot hält das WDR Sinfonieorchester seit fünf Jahren für ältere Menschen mit Demenzerkrankungen bereit. Organisiert von der privaten Initiative dementia+art, spielt ein Kammermusikensemble des Sinfonieorchesters regelmäßig für etwa achtzig Menschen mit fortgeschrittener Demenz, ihre Begleitpersonen und Angehörigen. „Bei Demenz steht häufig im Vordergrund, was alles nicht mehr geht“, sagt Jochen Schmauck-Langer, Initiator von dementia+art. Er hingegen wolle zeigen, was trotz der Erkrankung noch möglich ist. Die etwa sechzigminütigen Konzerte sind kostenlos, barrierefrei und finden regen Anklang – übrigens auch bei den Musikern: „Immer wieder berichten die Künstler begeistert, wie gebannt die Zuhörer der Musik lauschen – oft sogar aufmerksamer als bei anderen Konzerten“, sagt Schmauck-Langer. Als günstig hätten sich bekanntere Werke aus Klassik, Romantik und Barock erwiesen, und am Ende gebe es stets drei Volkslieder zum Mitsingen. Es sei für alle Beteiligten immer sehr bewegend, wie sich Betroffene und Angehörige darüber freuen, dass sie weiterhin an der Kultur teilhaben können, ergänzt er.

Musik bewegt – alle

Die Kammerensembles des Gürzenich-Orchesters spielen in Senioreneinrichtungen für Menschen, die selbst keine Konzerte mehr besuchen können. Dies weckt manch vergessen geglaubte Erinnerung, sorgt für Freude und Lebenslust. „Das ist doch das Tolle an der Musik“, sagt Tom Owen. „Sie lässt Menschen fühlen und bringt sie mit anderen in Kontakt.“ Wenn der Engländer über Musik spricht, spürt man seine Begeisterung. In kaum einem anderen Land gebe es so viele Orchester wie in Deutschland, das Publikum wisse die Kultur sehr zu schätzen und auch Köln besitze mit seinen vielfältigen Ensembles einen reichen Schatz. Gürzenich-Kapellmeister Francois-Xavier Roth, gleichzeitig Generalmusikdirektor der Stadt Köln, ist für ihn eine inspirierende Persönlichkeit. „Seine Energie ist einfach ansteckend“, sagt Owen. Auch deshalb ist er sich sicher: „Hier in Köln wird sich noch viel entwickeln. “

Darts-Elite lässt Lanxess-Arena brodeln

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Wie Boxkampf und Elfter im Elften: 8.000 Fans feiern die Helden der Szene

in: Kölnische Rundschau, 1. November 2017

Seine Augen fest aufs Ziel gerichtet, sein ganzer Körper konzentrierte Spannung. Dann schlägt der Pfeil in der Dartscheibe ein. Michael van Gerwen, die Nummer Eins der Weltrangliste, verzieht enttäuscht das Gesicht. Dann der nächste Pfeil. Und noch einer. Der 28-jährige Niederländer schüttelt seinen bulligen, kahlrasierten Kopf. Nur 25 Punkte für „Mighty Mike“ bei seinem ersten Versuch. Buh-Rufe.

Es ist das Finale der ersten Cologne Darts Gala. 8000 Menschen feiern in der Lanxess-Arena ihre Helden. Die Stimmung ähnelt der am Elften im Elfen: Bauarbeiter, Funkemariechen, Comic-Figuren und Indianer bevölkern die Arena, auf den Tische ein Kölsch-Fässchen neben dem anderen.

Und der Jubel ist groß, als der große Kontrahent an der Reihe ist: Peter „Snakebite“ Wright, die Nummer Zwei der Welt. Der 47-jährige Schotte ist mit einem rot-weißen Irokesenschnitt nach Köln gekommen. Er ist einer der schrillsten Typen der internationalen Darts-Szene – und eindeutig der Publikumsliebling.

Einen Bezug zum Sport haben die wenigsten Zuschauer. „Ich schätze, 6000 von 8000 Leuten haben Darts noch nie live gesehen“, sagt Veranstalter Wolfgang Pütz. Das Event sei seit Monaten ausverkauft. In Köln treten neben van Gerwen und Wright der Nordire Daryl Gurney und der Australier Simon Whitlock an. Es geht heute zwar nicht um Titel und Triumphe, doch immerhin winken dem Sieger ein Pokal und ein Kleinwagen. Im Vordergrund steht der Spaß, die Party, aber natürlich soll die Gala den Sport ins Rampenlicht rücken.

„In Deutschland ist Darts richtig groß geworden in den letzten Jahren“, sagt Wayne Mardle, ehemaliger Profi und TV-Experte. Es gibt zahlreiche Ligen, der Deutsche Darts Verband zählt gut 11 000 Mitglieder. Und immer mehr Menschen schauen sich den „Kneipensport“ im Fernsehen an. Max Hopp gilt mit erst 21 Jahren als größtes Talent hierzulande.

Um 20 Uhr dröhnen die Bässe aus den Boxen, Scheinwerfer flackern über die Zuschauer, während die Profis, begleitet von individueller Einmarschmusik und Security, in einem Golfkart zur Bühne fahren. Das Publikum johlt, die Arena brodelt. „Die Stimmung ist fantastisch“, sagt Marianne Trojan, 43, aus Overath. Sie ist zum ersten Mal beim Darts. Auch ihre Bekannte Elke Brombach, 49, ist begeistert: „Wie Karneval!“, sagt sie, während „Querbeat“ die Bühne beschallen. Gespielt wird in der Variante „501“. Dabei werfen die Spieler abwechselnd drei Pfeile auf die Scheibe. Die jeweils erreichte Punktzahl wird von der Gesamtsumme 501 abgezogen. Wer zuerst vier von sieben Runden – „Legs“ – gewinnt, gewinnt das Spiel. Die höchste Punktzahl bringt nicht ein Treffer im „Bull“s Eye“, in der Mitte der Dartscheibe, sondern im dreifach gewerteten 20er-Feld – bei drei Treffern ein sogenannter „180er“.

Auf großen Leinwänden hinter der Bühne und auf den Monitoren hoch oben über der Arena verfolgen die Zuschauer das Geschehen, bejubeln jeden „180er“, feuern die Stars mit Sprechchören an. In einer Vorrundenpartie gelingt Publikumsliebling Peter „Snakebite“ Wright sogar ein „9 Darter“ – das perfekte Spiel im Darts, so etwas wie ein Hattrick beim Fußball. Aber jetzt muss Wright im Finale gegen Michael van Gerwen ran. Dem fehlen nur noch 25 Punkte zum Sieg. Er wirft den Pfeil. Der landet genau, wo er soll. Die Nummer Eins der Welt ist auch an diesem Abend in Deutz die Nummer Eins.

Keine Blase in Sicht

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Kölner Haus- und Grundbesitzerverein eröffnet neues Gesprächsformat über Wirtschaftsthemen
in: Kölnische Rundschau, 1. September 2017

Wie steht es um die wirtschaftliche Lage in Deutschland und Europa? Was tut sich auf dem  Immobilienmarkt? Um diese und andere Fragen ging es bei den ersten Kölner Wirtschaftsgesprächen – eine neue Reihe, die der Haus- und Grundbesitzverein am Mittwochabend im Hotel Excelsior Ernst eröffnete. Gesprächspartner war Claus Tigges, Präsident der Bundesbank-Hauptverwaltung in Berlin und Brandenburg. Vereinsvorsitzender Konrad Adenauer begrüßte zunächst die etwa 120 Gäste, darunter Vertreter aus Politik und Wirtschaft sowie private Hausbesitzer. Dr. Hildegard Stausberg moderierte die Veranstaltung.

Die globale Wirtschaftslage habe sich insgesamt aufgehellt, sagte Tigges. Im Euroraum hätten sich die Konjunkturen der einzelnen Länder inzwischen angeglichen, insbesondere Deutschland befinde sich nach der Finanzkrise von 2008 und 2009 nun schon im achten Jahr des Aufschwungs. Möglich sei bei der Wachstumsrate demnächst sogar eine „zwei vor dem Komma“. Günstig wirke sich vor allem die niedrige Arbeitslosigkeit aus.

Tigges, zwischen 2001 und 2009 Wirtschaftskorrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung für die USA und Mexiko, beobachtete die Entstehung der US-amerikanischen „Immobilienblase“ damals aus nächster Nähe. Seiner Einschätzung nach gebe es zwar einige systemische Risiken bei Wohnimmobilien. Für eine neuerliche Blase hinzukommen müsse allerdings eine riskante Kreditvergabe der Banken – und die beobachte die Bundesbank als Aufsichtsbehörde derzeit nicht.

Auf die Publikumsfrage nach der Mietentwicklung in Großstädten wie Köln verwies Tigges darauf, dass Preiskontrollen wie die Mietpreisbremse „selten bis nie zum Ziel“ führten. Für sinnvoller halte er es, das Angebot an Wohnraum zu erhöhen. Wie dies gelingen könnte, etwa durch staatliche Anreize, ließ er offen.

Insel mit Aussicht

von

in: KölnerLeben, August/September 2017

Einige Kinder spielen mit Schaufel und Eimer im Sand, andere erklimmen den Leuchtturm. Ein Junge und ein Mädchen jauchzen, während sie auf der Robbenwippe auf- und niedersausen. Der neu gestaltete Spielplatz am Hartenfelsweg gleicht einer Strandlandschaft – seit April dieses Jahres tummeln sich dort Kinder und Jugendliche, auf der Boule-Bahn spielen vor allem die Älteren. Auch auf dem Spielplatz am Pingenweg ist seit dem Frühjahr mehr Platz zum Tollen und Toben. Besonderes Highlight: Eine 30 Meter lange Seilbahn.

Die modernisierten Spielplätze sind zwei von elf Projekten, die im Zuge des so genannten „Integrierten Handlungskonzepts“ (IHK) für Lindweiler umgesetzt werden. Den Beschluss fasste der Rat Ende 2014. Bis zum Start verging allerdings ein Jahrzehnt: Bereits 2004 war sich die Bezirksvertretung Chorweiler einig, dass in Lindweiler etwas geschehen muss.

Zwei Seniorenclubs, aber keine Sparkasse

Kennzeichnend für Lindweiler ist seine „Insellage“: Die südliche Grenze ist die A1, im Westen verläuft die A57, im Norden der Chorweiler Zubringer, und im Osten trennt die Eisenbahnlinie nach Düsseldorf den Stadtteil von Heimersdorf ab. Die etwa 3.500 Einwohner leben je zur Hälfte in Mietwohnungen rund um die Ortsmitte Marienberger Hof sowie in den umliegenden Einfamilienhäusern, in letzteren vorwiegend ältere Menschen. Für sie gibt es im Haus Baden auch einige Altenwohnungen.

Zwei Seniorenclubs begegnen sich regelmäßig im Lindweiler Treff der Diakonie. „Zur Begrüßung singen wir immer ein Lied, dann spielen wir Karten, Bingo oder ‚Mensch ärgere Dich nicht‘“, erzählt Inge Zeitel vom Seniorennetzwerk Lindweiler, die die Gruppen leitet. Zum Treffen am Mittwoch bzw. Freitag kommen jeweils etwa 20 Personen, machen Gymnastik und Gedächtnistraining, und bei Kaffee und Kuchen plauschen die Senioren in geselliger Runde. Inge Zeitel kennt daher auch die Probleme der Älteren in Lindweiler genau: „Früher gab es mal eine Sparkasse“, sagt sie. Jetzt ist dort ein Kiosk. Auch eine Postfiliale vermissten viele der Älteren und eine Apotheke suche man vergeblich. „Wer nicht mehr Auto fahren kann, für den ist das schon ziemlich umständlich“, sagt Zeitel.

Von den Alltagsproblemen insbesondere der älteren Bevölkerung berichtet auch Hans-Jürgen Brause. Er vertritt die Bürger Lindweilers im Veedelsbeirat, der im Zuge des IHK ins Leben wurde. Dort können die Bürger Fragen stellen und Bedürfnisse äußern. „Viele wünschen sich kürzere Wege im Alltag“, sagt er. Es gebe zwar einen kleinen Supermarkt in der Ortsmitte, doch für alles andere müssten die Lindweiler einige Kilometer mit dem Bus oder dem Fahrrad in die angrenzenden Stadtteile fahren, nach Pesch, Chorweiler oder Longerich.

Die Ortsmitte rund um den Marienberger Hof soll ebenfalls neugestaltet werden. „Es gibt dort viel Leerstand“, sagt Vanessa Weller, Projektkoordinatorin für Lindweiler beim Amt für Stadtentwicklung und Statistik. Das kleine Zentrum soll attraktiver werden, einen neuen Bodenbelag und Sitzgelegenheiten erhalten. „Die Fertigstellung ist für 2019 geplant“, sagt Weller. Damit verbinden die Planer die Hoffnung, dass sich wieder mehr Geschäfte in Lindweiler ansiedeln.

„Da mache ich mir aber keine Illusionen“, sagt Hans-Jürgen Brause vom Veedelsbeirat. „Hier leben einfach zu wenige Leute. Für Unternehmen rechnet sich das möglicherweise nicht.“ Dennoch gehe es kleinen Schritten voran, sagt er. So seien etwa die garagengroßen Stromhäuschen künstlerisch gestaltet worden. „Das kostet nicht viel, ist aber wichtig für eine höhere Lebensqualität.“ Sichtbare Veränderungen zeigten den Bürgern, dass sich das gemeinsame Engagement lohnt.

Lino-Club für alle Generationen

„Mit den Mitteln aus dem Integrierten Handloungskonzept haben wir im Juni auch das Stadtteilfest zum 40-jährigen Jubiläum Lindweilers finanziert“, sagt Angelika Klauth. Sie ist zuständig für das soziale Quartiersmanagement in Lindweiler, und gemeinsam mit Hans-Josef Saxler leitet sie den Lino-Club. Das Kinder- und Jugendzentrum selbst soll schrittweise zu einem generationenübergreifenden Bürgerzentrum ausgebaut werden, mit dem Beschluss des Landes NRW rechnet die Stadt Ende 2017. „Man braucht schon einen langen Atem“, sagt Saxler. „Aber wenn Bands wie Pelemele oder Kasalla hier bei uns im Zirkuszelt auftreten, zieht das auch Menschen aus anderen Stadtteilen an“, sagt Klauth mit Blick auf die Veranstaltungen in Lindweiler. Für den Austausch über Veedelsgrenzen hinweg müsse man schon etwas tun, sind sich die beiden einig. „So kann aus dem Nebeneinander ein Miteinander werden“, sagt Saxler. In Lindweiler ist von Resignation keine Spur, und nach der langen Zeit des Wartens und des Nachhakens kommt allmählich Bewegung ins Veedel. Und das sind doch recht positive Aussichten für die „Insel“ Lindweiler.

 

Kino, Kitsch und Coldplay

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Kult-Club Gloria feierte 60-jähriges Jubiläum mit vielen Stars
in: Kölnische Rundschau, 3. September 2017

Köln. Ein Hauch Nostalgie durchweht den rot-plüschigen Saal in der Apostelnstraße, als Ray Collins’ Hot-Club mit Rock’n’Roll-Klängen im Stil der 1950er-Jahre den Abend eröffnet. Am Freitag feierte das Gloria mit einer Gala sein 60-jähriges Bestehen. Etwa 500 Gäste waren gekommen, darunter Comedians wie Mirja Boes, Dave Davis und Mundstuhl, die Musiker von Erdmöbel und Guildo Horn. WDR-Moderator Thorsten Schorn führte durch den Abend, mit musikalischen und kabarettistischen Einlagen ließen langjährige Weggefährten des Clubs die wechselvolle Gloria-Geschichte aufleben.

In den 90er war Schluss mit Kino

Die Comedians Martin Reinl und Carsten Haffke etwa schwelgten mit ihrem Puppen-Ehepaar „Omi und Opi Flönz aus Nippes“ bei einer Diashow in Erinnerungen, zeigten Fotos und Filmplakate aus den vergangen sechs Jahrzehnten. Sie erzählten, mitunter arg kalauernd, wie das Kino 1956 mit dem österreichischen Heimatfilm „Verlobung am Wolfgangsee“ eröffnete und Hollywood-Klassiker wie „Frühstück bei Tiffany“ zeigte, bis ab Ende der 1960er-Jahre Sex- und Pornofilme über die Leinwand flimmerten. In den 1990er-Jahren war Schluss mit Kino, das Gloria wurde zur renommierten Adresse für Konzerte, Comedy und Kabarett, Stars wie Hella von Sinnen hatten hier ihre ersten Auftritte.

Im Gespräch mit Moderator Schorn erinnerten die Gäste auf der Bühne auch an die legendären Schaum- und Schlagerpartys. Bernd von Fehrn etwa, dessen Bühnenfigur Wanda Rumor Kultstatus erreichte, erzählte von seinem „unfassbar schlechten“ Casting zur Rosa Sitzung, der schwul-lesbischen Karnevalssitzung.

„Egal ob Nachwuchskünstler oder Coldplay und Oasis – bei uns wird jeder herzlich empfangen“, sagte Michael Zschernak, der seit 2004 die Geschäfte führt. Die familiäre Atmosphäre, die das Gloria bei vielen Künstlern so beliebt macht, prägte auch den Gala-Abend.

Künstler wollen grünen Schatz heben

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28-Meter-Tisch am Sachsenring soll auf das ungenutzte Potenziual der städtischen Grünflächen aufmerksam machen

in: Kölnische Rundschau, 24. Juli 2017

Köln. Appetitlich glänzen Tomaten, Trauben und Melonen, Wein- und Wasserflaschen funkeln im Licht der warmen Abendsonne: Eine 28 Meter lange Holztafel mit Bänken steht seit Freitagabend auf einem Grünstreifen am Sachsenring. Was dort stattfindet, ist kein privates Picknick, sondern eine Kunstaktion, organisiert vom Team 1 des StadtLabors für Kunst im öffentlichen Raum und der Initiative Stadtoasen. Letztere setzt sich für die Aufwertung städtischer Grünanlagen ein.

Mit der Einladung zum gemeinsamen Abendessen wollen sie auf das ungenutzte Potenzial der Fläche hinweisen – „ein ungehobener grüner Schatz“, sagt Ute Becker von Stadtoasen. Gelegen zwischen Kartäuserwall, Straßenbahntrasse, Ulrepforte und Waisenhausgasse, werde der Abschnitt bislang vorwiegend als „Straßenbegleitgrün“ wahrgenommen.

28-Meter-Tisch soll sechs Monate stehen bleiben

„Ich finde es gut, dass hier einmal etwas Leben hinkommt“, sagt Anwohnerin Christine Kesper (65). Es sei ihr wichtig, dass Orte so gestaltet sind, dass sie den Menschen guttun. Ihre Freundin Karoline Alich (65) pflichtet ihr bei: „Ich kann mir gut vorstellen, dass wir demnächst öfter hier sitzen und selbst etwas mitbringen“, sagt sie.

Uschi Huber vom StadtLabor hat die Veranstaltung initiiert. Sie freut sich, dass die Besucher die Aktion so positiv aufnehmen. „Es gibt viele Grünanlagen in der Stadt, die man mit minimalen Eingriffen aufwerten könnte“, sagt sie. Am Sachsenring zum Beispiel könne man die trennende Straße Richtung Ring verlegen und so einen zusammenhängenden kleinen Stadtpark schaffen. Die lange Holztafel sei daher nicht nur eine Einladung zu einem geselligen Abend. Sie solle den Bürgern eine Möglichkeit geben, die Fläche zu nutzen und selbst zu gestalten.

Der lange Holztisch wird in den kommenden sechs Monaten an seinem Platz am Sachsenring bleiben. Ab Herbst sollen dort dann weitere Aktionen stattfinden. Eine Radfahrerin, die zufällig auf die Aktion aufmerksam wird, sagt: „Ich bin begeistert!“ – und dürfte damit die Stimmung der meisten Gäste auf den Punkt gebracht haben.

Ein Stück Rock- und TV-Geschichte

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Museum Ludwig: WDR-Dokumentation blickt zurück auf 40 Jahre „Rockpalst-Nacht“

in: Kölnische Rundschau, 23. Juli 2017

Köln. Essen, April 1979. 10 000 Zuschauer bringen die Grugahalle beinahe zum Platzen. Die vierte Ausgabe der „Rockpalast-Nacht“ war der Durchbruch für die junge Live-Sendung rund um Rockmusik. Sängerin Patti Smith war, sichtlich berauscht, nicht mehr in der Lage, den Moderatoren Alan Bangs und Alfred Metzger ein Interview zu geben – was diese jedoch nicht aus der Fassung brachte. „I’ve lost my mind in Essen“, sagte Smith damals, und so lautet auch der Titel einer 60-minütigen WDR-Dokumentation, die das Filmforum im Museum Ludwig jetzt vorab zeigte.

Der titelgebende Ausschnitt macht klar: Bei der mehrstündigen Live-Sendung ließ sich kaum etwas kontrollieren. Mitch Ryder etwa ärgerte es, dass er erst spät nachts auftreten und noch vor der Show interviewt werden sollte. Die Wartezeit füllte er mit reichlich alkoholischen Getränken. Auch bei solchen Eskapaden blieben die Moderatoren cool.

U2 kamen durch Rockpalast-Auftritt zu Weltruhm

Der Autor des Films Oliver Schwabe zeichnet anhand von Interviews und Archiv-Material die Geschichte der Kult-Sendung nach, von der ersten „Rockpalast-Nacht“ 1977 bis zur letzten Ausgabe 1986. Viele Bands kamen nach dem Auftritt in der europaweit ausgestrahlten Sendung erst richtig groß raus. U2 zum Beispiel traten 1983 beim „Rockpalast-Loreley-Festival“ auf, wenig später kamen sie zu Weltruhm. In der Dokumentation berichten einige der Musiker von ihren Auftritten, darunter Wolfgang Niedecken, Mother’s Finest, Billy Gibbons von ZZ Top und Stewart Copeland von The Police.

Auch die „Rockpalast“-Macher kommen zu Wort. Sie schildern mit viel Witz und Selbstironie, was für ein Abenteuer die neuartige Sendung war – auch für den Sender WDR, der ihnen viele Freiheiten ließ. Der Film ist, ohne dies explizit zu thematisieren, auch eine Hommage an Rockpalast-Erfinder Peter Rüchel, der in diesem Jahr 80 Jahre alt wurde. Die Dokumentation fängt den anarchischen Geist des „Rockpalast“ ein, ohne Macher und Musiker zu glorifizieren.

Interne Konflikte kommen ebenso zur Sprache wie die Tatsache, dass Mitte der 1980er Jahre die Zeit der langen Rock-Nächte vorbei war. Das Format „Rockpalast“ existiert jedoch noch heute. Zu Beginn des Filmprojekts sei er skeptisch gewesen, erzählte Peter Rüchel im Gespräch nach der Vorführung des Dokumentarstreifens. Vom Ergebnis aber sei er wirklich begeistert.

Späte Ehrung für eine starke Frau

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Familiengrab von Louise Straus-Ernst erhält Inschrift
in: Kölnische Rundschau, 26. Juni 2017

Köln. Eben noch von einem schwarzen Tuch mit weißem Davidstern verhüllt, zeigt der Grabstein nun folgende Inschrift: „Dr. Luise Straus-Ernst, geb. 2.12.1893 in Köln, ermordet 1944 in Auschwitz“. Es war eine feierliche Zeremonie, die da am Sonntag auf dem jüdischen Friedhof in Bocklemünd in Gedenken an die Kunsthistorikerin, Journalistin und Künstlerin stattfand. Ihr Name ziert jetzt als vierter das Familiengrab, in dem bereits Luises Vater Jakob, Mutter Charlotte und ihr Bruder Richard begraben sind.

Erste Ehefrau von Max Ernst

Die Initiative für die in Stein gemeißelte Ehrung ging aus von Amy Ernst, Luises Enkelin und selbst als Künstlerin in den USA tätig. „Ich habe sie nie gekannt, aber mein Vater sagte immer, dass ich meiner Großmutter sehr ähnlich sei“, erzählt sie. Mit der Enthüllung das Grabsteins könne ihre Großmutter nun Ruhe bei ihrer Familie finden.

Luise Straus-Ernst war die erste Ehefrau des Surrealisten Max Ernst, nach vier Jahren trennte sich das Paar. Die gemeinsame Wohnung wurde schnell zum Zentrum der dadaistischen Bewegung in Köln.

1917 hatte Luise als erste Frau an der Uni Bonn in Kunstgeschichte promoviert. In demselben Jahr kuratierte sie eine Ausstellung im Wallraf-Richartz-Museum über Kriegsdarstellungen – die Schau zeigte die Schrecken des Krieges, wurde jüngst rekonstruiert und ist aktuell erneut dort zu sehen.

Rezitatorin liest aus Straus-Ernst Leben vor

Bei der Zeremonie in der Trauerhalle des jüdischen Friedhofs las Ute Remus, Autorin und Rezitatorin, aus „Nomadengut“, den Lebenserinnerungen von Luise Straus-Ernst. Diese beschreibt darin ihre Zeit im französischen Exil, ihr banges Warten auf ein Visum für die USA, ihre Einsamkeit, ihre Angst. Deutlich wurden jedoch auch ihre innere Stärke und ihr Versuch „aus dem Jetzt so viel Gewinn wie möglich zu ziehen“.

Dr. Jürgen Pech, wissenschaftlicher Leiter am Max Ernst Museum in Brühl, trug im Anschluss eine fiktive Geschichte der Autorin über Albrecht Dürer vor, in der es um Enttäuschung und Hoffnung ging. Auch Luise habe bis zum Schluss gehofft, dem Konzentrationslager doch noch zu entgehen. Die starke Frau war jedoch eigensinnig: Das Angebot von Max Ernst etwa, sie erneut zu heiraten, um ein Visum zu erhalten, schlug sie stolz aus. 1980 begann die Wiederentdeckung der vielseitigen Künstlerin, die in der Weimarer Republik auch Reden für Konrad Adenauer geschrieben hatte. „In ihrem Werk gibt es noch viel zu entdecken“, sagt Dr. Jürgen Pech.