David Korsten
Autor und Journalist

#Musik

Kölns klassische Klangkörper

von

in: KölnerLeben, Oktober/November 2017

Köln ist die Heimat dreier renommierter Orchester, die die Liebhaber klassischer Musik verwöhnen. Wie sieht das Leben eines Orchestermusikers aus? Wie wird man Ensemblemitglied im Gürzenich-Orchester? Der Solo-Oboist Tom Owen gewährt Einblicke in das Innere des städtischen Musikensembles.

Es ist eines der berühmtesten Anfangsmotive der klassischen Musik überhaupt, das am 22. November 1857 den Konzertsaal des Gürzenich erfüllt: Die markant-rhythmischen Anfangstöne von Beethovens Fünfter Sinfonie gaben den Auftakt zum ersten Gürzenich-Konzert. Der städtische Fest- und Tanzsaal, in dem seit 1821 immer wieder Konzerte stattgefunden hatten, galt seinerzeit als einer der schönsten Konzertsäle und wurde nun die feste Spielstätte des Städtischen Orchesters. Der Volksmund taufte es schon bald „Gürzenich-Orchester“, doch erst seit November 1945 trägt das Orchester auch offiziell diesen Namen.

Seit der Spielzeit 2015/16 ist Francois-Xavier Roth Chefdirigent. Beeindruckend liest sich auch die Liste der Gastdirigenten, darunter berühmte Namen wie Johannes Brahms, Richard Strauss und Gustav Mahler. Letzterer schrieb 1904 in einem Brief an seine Frau Alma: „Das Orchester ist entzückend, eine wahre Freude!“

130 Musiker spielen im Gürzenich-Orchester

Heute ist das Gürzenich-Orchester mit klassischen und zeitgenössischen Werken eines der führenden Ensembles in Deutschland. Als Orchester der Oper Köln, wo es an bis zu 160 Vorstellungen im Jahr mitwirkt, trägt es maßgeblich zum Erfolg dieses Hauses bei. Dazu kommen in jeder Saison 50 Konzerte, die es als eines der beiden Hausorchester der Kölner Philharmonie gibt.

Auch international genießen die beinahe 130 Gürzenich-Musiker einen hervorragenden Ruf, so zum Beispiel Tom Owen. Der 37-jährige gebürtige Engländer ist seit 2006 Solo-Oboist. Zudem spielt er als Gastmusiker regelmäßig mit anderen Orchestern.

Vor der Harmonie: Hartes Bewerbungsverfahren

Wer Orchestermusiker werden will, muss nicht nur Fleiß und Talent mitbringen, sondern auch einen harten Bewerbungsprozess durchlaufen. „Es gehören eine gehörige Portion Glück und die richtige Tagesform dazu“, sagt Owen. Denn die wenigen freien Plätze sind heiß begehrt. Auf eine Stelle bewerben sich bis zu 200 Künstler, etwa 20 bis 40 werden zum Vorspielen eingeladen – und da hat jeder nur fünf Minuten Zeit, um zu überzeugen. „In diesen fünf Minuten hören alle Orchestermitglieder genau hin und überlegen, ob der jeweilige Bewerber zu ihnen passt“, erzählt Owen. Das Verfahren ist demokratisch und transparent, jedes Ensemblemitglied hat eine Stimme.

War das Solo-Vorspiel erfolgreich, folgt die zweite Bewerbungsrunde. Diesmal spielt der Kandidat mit dem gesamten Orchester, zu dem Streichinstrumente, Holz- und Blechbläser sowie Pauken, Schlagzeug und Harfe gehören. Dabei kommt es darauf an, wie gut er mit den Mitspielern harmoniert und wie er auf die Anweisungen des Dirigenten reagiert. „Es kommt durchaus vor, dass wir uns am Ende für keinen der Bewerber entscheiden“, erläutert Owen. Die harten Aufnahmebedingungen seien jedoch keine Schikane, sondern notwendig. „Schließlich spielen wir für die nächsten dreißig, vierzig Jahre zusammen. Da muss schon alles passen – für beide Seiten“, begründet der Oboist die Vorgehensweise. Ein neues Ensemblemitglied erhält zunächst einen Vertrag über ein Jahr. Erst nach dieser Probezeit gilt die Festanstellung bei der Stadt Köln bis zur Rente.

Üben macht den Meister

Fast jeden Tag probt das Orchester, meist etwa drei Stunden, oft auch länger. „Die längste Probe dauerte acht Stunden. Der Dirigent wollte viel ausprobieren“, sagt Tom Owen. Schließlich habe jeder Dirigent eine eigene Vorstellung davon, wie das Orchester die Noten auf dem Papier in Klang übersetzen soll. Wenn keine gemeinsamen Proben stattfinden üben die Musiker etwa zwei bis drei Stunden alleine. Auch das gehöre laut Arbeitsvertrag zum Job, sagt Owen. „manchmal würde ich mir wünschen, der Tag hätte noch zehn Stunden mehr“, sagt der Engländer. Denn zusätzlich zu Orchester- und Solokonzerten verfolgt er noch weitere Projekte, gibt Meisterkurse an der Folkwang Hochschule in Essen, in England und Italien.

Kammermusik als Herzensangelegenheit

Besonders am Herzen liegt Owen der Verein „Kammermusik für Köln“, den er 2011 mitgegründet hat. „Die Konzerte mit weniger Musikern sind sehr intim, Publikum und Musiker können sich fast anfassen“, sagt Owen. So komme man leicht miteinander ins Gespräch. Der Verein will die Kammermusik stärken, ihr etwa zu einem eigenen Kammermusiksaal verhelfen. „Das wäre wirklich eine tolle Sache“, sagt Owen mit leuchtenden Augen.

Die Mitgliederstärke variiert bei der Kammermusik stark: In kleinen Ensembles spielen nur wenige Musiker, manche Kammerorchester sind mit etwa fünfzig Musikern besetzt. Auch wenn bislang ein fester Spielort für kleine Klangkörper fehlt: Die Kammermusik hat in Köln Tradition. Bereits am 23. November 1923 fand im gerade errichteten Gebäude des Kunstvereins am Friesenplatz das erste Konzert des Kölner Kammerorchesters statt – es ist das älteste Kammerorchester Deutschlands. Auf dem Eröffnungsprogramm standen Werke von Händel, Vivaldi, Bach und Vitali. Einer der prägenden Künstler des Kammerensembles war der 2012 verstorbene Helmut Müller-Brühl. Der Dirigent und Musikwissenschaftler hatte 1958 in seiner Heimatstadt die Brühler Schlosskonzerte ins Leben gerufen: Im Schloss Augustusburg, dem kurfürstlichen Jagd- und Sommerschloss, finden seither jeden Sommer etwa 25 Konzerte statt.

Konzertreisen zu allen Kontinenten

Müller-Brühl übernahm 1963 die Leitung des Kölner Kammerorchesters. Zwischen 1976 und 1986 musizierte es unter dem Namen Capella Clementina ausschließlich auf historischen Instrumenten. Müller-Brühl setzte damit Maßstäbe für die Wiederbelebung des barocken Musiktheaters. Neben Tonträgeraufnahmen und Konzertreisen auf der ganzen Welt tritt das Kölner Kammerorchester regelmäßig in der Kölner Philharmonie auf: Seit 1988 wird dort jährlich die Konzertreihe „Das Meisterwerk“ gegeben.

Überhaupt ist die Philharmonie seit ihrer Einweihung im September 1986 einer der wichtigsten Orte für klassische Musik in Köln. Regelmäßig füllen bis zu 2.200 Zuschauer den mehr als 2.500 Quadratmeter großen, muschelförmigen Saal. Neben dem Gürzenich-Orchester ist das WDR Sinfonieorchester das zweite Hausorchester der Philharmonie. Gegründet 1947, feiert es in der Spielzeit 2017/18 sein 70-jähriges Bestehen. Spezialisiert auf musikalische Werke des 20.Jahrhunderts, fertigten Komponisten wie Igor Strawinsky, Karlheinz Stockhausen und Bernd Alois Zimmermann Auftragsarbeiten für das Orchester an.

Konzertreihen für jeden Geschmack

Mit einem breiten Programm und neuen Formaten möchte das WDR-Ensemble unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen für klassische Musik begeistern: Bei der Reihe „SinfoniePlus“ etwa erhalten Schulklassen und junge Musikfans bis 25 Jahre in Begleitung von Lehrpersonen freien Eintritt, Moderatoren geben Hörtipps und erzählen spannende Anekdoten aus der Welt der Musik.

Ein besonderes Angebot hält das WDR Sinfonieorchester seit fünf Jahren für ältere Menschen mit Demenzerkrankungen bereit. Organisiert von der privaten Initiative dementia+art, spielt ein Kammermusikensemble des Sinfonieorchesters regelmäßig für etwa achtzig Menschen mit fortgeschrittener Demenz, ihre Begleitpersonen und Angehörigen. „Bei Demenz steht häufig im Vordergrund, was alles nicht mehr geht“, sagt Jochen Schmauck-Langer, Initiator von dementia+art. Er hingegen wolle zeigen, was trotz der Erkrankung noch möglich ist. Die etwa sechzigminütigen Konzerte sind kostenlos, barrierefrei und finden regen Anklang – übrigens auch bei den Musikern: „Immer wieder berichten die Künstler begeistert, wie gebannt die Zuhörer der Musik lauschen – oft sogar aufmerksamer als bei anderen Konzerten“, sagt Schmauck-Langer. Als günstig hätten sich bekanntere Werke aus Klassik, Romantik und Barock erwiesen, und am Ende gebe es stets drei Volkslieder zum Mitsingen. Es sei für alle Beteiligten immer sehr bewegend, wie sich Betroffene und Angehörige darüber freuen, dass sie weiterhin an der Kultur teilhaben können, ergänzt er.

Musik bewegt – alle

Die Kammerensembles des Gürzenich-Orchesters spielen in Senioreneinrichtungen für Menschen, die selbst keine Konzerte mehr besuchen können. Dies weckt manch vergessen geglaubte Erinnerung, sorgt für Freude und Lebenslust. „Das ist doch das Tolle an der Musik“, sagt Tom Owen. „Sie lässt Menschen fühlen und bringt sie mit anderen in Kontakt.“ Wenn der Engländer über Musik spricht, spürt man seine Begeisterung. In kaum einem anderen Land gebe es so viele Orchester wie in Deutschland, das Publikum wisse die Kultur sehr zu schätzen und auch Köln besitze mit seinen vielfältigen Ensembles einen reichen Schatz. Gürzenich-Kapellmeister Francois-Xavier Roth, gleichzeitig Generalmusikdirektor der Stadt Köln, ist für ihn eine inspirierende Persönlichkeit. „Seine Energie ist einfach ansteckend“, sagt Owen. Auch deshalb ist er sich sicher: „Hier in Köln wird sich noch viel entwickeln. “

„Morgen geh ich zum Sozialamt“

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Die Zeltinger Band präsnetierte ihr neues Album im Blue Shell

in: Kölnische Rundschau, 26. Oktober 2017

Vor der Bühne tummeln sich die Fans der ersten Stunde, wie ihre teils grauen Haare vermuten lassen. Als die Band um Jürgen Zeltinger zum Klassiker „Kölsche Junge“ die Bühne des Blue Shell betritt, rumpelt das Schlagzeug, die E-Gitarren krachen los. „Krank!“ heißt das neue Album, das die Kölsch-Punk-Truppe am Dienstagabend vorstellte. Darauf finden sich neben neuen Songs Neueinspielungen alter Hits. Der Albumtitel nimmt – klar, ironisch – Bezug auf Zeltingers Malaisen der letzten Jahre, darunter eine manische Depression und ein neurologischer Notfall. Mit Zeilen wie „Morgen geh ich zum Sozialamt, da gibt es Geld“ begründete „de Plaat“, wie Fans die „Frontsau“ nennen, den „Asi-Rock“. Stiller wurde es beim neuen „Er war gerade 18 Jahr“, aber die Zugabe „Müngersdorfer Stadion“ sang das Publikum beinahe lauter als der Sänger. „Dries jet op dä Dress“, heißt es darin. Das dürfte Zeltingers Haltung auf den Punkt bringen. „Plaats“ Punk ist offenbar noch nicht tot. Höchstens ein bisschen „krank“.