David Korsten
Autor und Journalist

#Reportage

Darts-Elite lässt Lanxess-Arena brodeln

von

Wie Boxkampf und Elfter im Elften: 8.000 Fans feiern die Helden der Szene

in: Kölnische Rundschau, 1. November 2017

Seine Augen fest aufs Ziel gerichtet, sein ganzer Körper konzentrierte Spannung. Dann schlägt der Pfeil in der Dartscheibe ein. Michael van Gerwen, die Nummer Eins der Weltrangliste, verzieht enttäuscht das Gesicht. Dann der nächste Pfeil. Und noch einer. Der 28-jährige Niederländer schüttelt seinen bulligen, kahlrasierten Kopf. Nur 25 Punkte für „Mighty Mike“ bei seinem ersten Versuch. Buh-Rufe.

Es ist das Finale der ersten Cologne Darts Gala. 8000 Menschen feiern in der Lanxess-Arena ihre Helden. Die Stimmung ähnelt der am Elften im Elfen: Bauarbeiter, Funkemariechen, Comic-Figuren und Indianer bevölkern die Arena, auf den Tische ein Kölsch-Fässchen neben dem anderen.

Und der Jubel ist groß, als der große Kontrahent an der Reihe ist: Peter „Snakebite“ Wright, die Nummer Zwei der Welt. Der 47-jährige Schotte ist mit einem rot-weißen Irokesenschnitt nach Köln gekommen. Er ist einer der schrillsten Typen der internationalen Darts-Szene – und eindeutig der Publikumsliebling.

Einen Bezug zum Sport haben die wenigsten Zuschauer. „Ich schätze, 6000 von 8000 Leuten haben Darts noch nie live gesehen“, sagt Veranstalter Wolfgang Pütz. Das Event sei seit Monaten ausverkauft. In Köln treten neben van Gerwen und Wright der Nordire Daryl Gurney und der Australier Simon Whitlock an. Es geht heute zwar nicht um Titel und Triumphe, doch immerhin winken dem Sieger ein Pokal und ein Kleinwagen. Im Vordergrund steht der Spaß, die Party, aber natürlich soll die Gala den Sport ins Rampenlicht rücken.

„In Deutschland ist Darts richtig groß geworden in den letzten Jahren“, sagt Wayne Mardle, ehemaliger Profi und TV-Experte. Es gibt zahlreiche Ligen, der Deutsche Darts Verband zählt gut 11 000 Mitglieder. Und immer mehr Menschen schauen sich den „Kneipensport“ im Fernsehen an. Max Hopp gilt mit erst 21 Jahren als größtes Talent hierzulande.

Um 20 Uhr dröhnen die Bässe aus den Boxen, Scheinwerfer flackern über die Zuschauer, während die Profis, begleitet von individueller Einmarschmusik und Security, in einem Golfkart zur Bühne fahren. Das Publikum johlt, die Arena brodelt. „Die Stimmung ist fantastisch“, sagt Marianne Trojan, 43, aus Overath. Sie ist zum ersten Mal beim Darts. Auch ihre Bekannte Elke Brombach, 49, ist begeistert: „Wie Karneval!“, sagt sie, während „Querbeat“ die Bühne beschallen. Gespielt wird in der Variante „501“. Dabei werfen die Spieler abwechselnd drei Pfeile auf die Scheibe. Die jeweils erreichte Punktzahl wird von der Gesamtsumme 501 abgezogen. Wer zuerst vier von sieben Runden – „Legs“ – gewinnt, gewinnt das Spiel. Die höchste Punktzahl bringt nicht ein Treffer im „Bull“s Eye“, in der Mitte der Dartscheibe, sondern im dreifach gewerteten 20er-Feld – bei drei Treffern ein sogenannter „180er“.

Auf großen Leinwänden hinter der Bühne und auf den Monitoren hoch oben über der Arena verfolgen die Zuschauer das Geschehen, bejubeln jeden „180er“, feuern die Stars mit Sprechchören an. In einer Vorrundenpartie gelingt Publikumsliebling Peter „Snakebite“ Wright sogar ein „9 Darter“ – das perfekte Spiel im Darts, so etwas wie ein Hattrick beim Fußball. Aber jetzt muss Wright im Finale gegen Michael van Gerwen ran. Dem fehlen nur noch 25 Punkte zum Sieg. Er wirft den Pfeil. Der landet genau, wo er soll. Die Nummer Eins der Welt ist auch an diesem Abend in Deutz die Nummer Eins.

Feierabend auf Deck

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in: Kölnische Rundschau, 15. Mai 2017

Auf dem Freideck der MS Loreley lassen sich die Passagiere in Liegestühle fallen. Ein Paar stößt mit Prosecco an, zwei ältere Herren lassen ihre Kölschgläser klirren, drei junge Frauen nippen an bunten Cocktails. Im Hintergrund dezente Lounge-Musik, einige Palmen stehen auf dem grünen Boden des Decks, Steaks und Spieße brutzeln auf dem Grill.

Der Motor des Rheinschiffs wummert, und pünktlich um acht Uhr abends holen die Mitarbeiter der Köln-Düsseldorfer die Gangway ein, die vom Nieselregen etwas feucht ist. Alles ist bereit zum Start in die zweistündige Panoramafahrt, die die KD neuerdings jeden Montag bis Donnerstag fpr 17,60 Euro pro Person anbietet. Sie führt vom Pegel in der Altstadt bis zum Rheinbogen bei Weiß und zurück. Alles ist bereit. Oder besser: fast alles. Denn ebenso pünktlich um acht Uhr abends wächst das Nieseln von eben zu einem ausgewachsenen Regenguss an. Während der nächsten zwei Stunden trommeln die Tropfen unnachgiebig auf das Dach über dem Freideck.

Der Regen strömt seitlich am Dach vorbei, niemand sitzt an den Tischen direkt an der Reling. Die Mitreisenden rücken in der Mitte des Decks zusammen. Kurz nach dem Ablegen stimmt eine etwa 15-köpfige Reisegruppe aus Japan ein fröhliches „Happy Birthday“ an, einige Passagiere schmunzeln, andere singen mit.

„Hier kann man das ganze Geschehen mal von außen betrachten“, sagt Carolin Peters (24). Und ihre Kollegin Maren Hachmeister (29) ergänzt: „Naja, das Wetter könnte besser sein. Ich finde es trotzdem schön, man fährt so entspannt in den Abend hinein.“ Sie würde gerne auch mal Richtung Norden schippern, nach Grönland oder Island, erzählt sie. Doch jetzt gleitet die MS Loreley erst einmal gemächlich rheinaufwärts Richtung Süden, bei etwa 15 Kilometern pro Stunde zieht sie an den Kranhäusern im Rheinauhafen vorbei.

„Wir wollen unseren Gästen etwas Entschleunigung im Alltag bieten, in lockerer Beachclub-Atmosphäre“, sagt Nicole Becker, Pressesprecherin der KD. „Von 0 bis 100 Jahren kann jeder mitfahren“, sagt sie. Klar, das Wetter sei heute nicht optimal. „Das ist das einzige, was wir nicht beeinflussen können.“ Zugelassen ist die MS Loreley für 600 Personen, bei guter Auslastung seien 200 bis 300 Passagiere an Bord, erklärt Becker. Heute fahren nur etwa 90 Gäste mit, einige von ihnen auf Einladung der KD. Schließlich will sie das Angebot bekannt machen, seit Ostern gibt es die Mini-Kreuzfahrt auf dem Rhein.

Inzwischen ist es dunkel, die meisten Gäste sind unter Deck. „Die beleuchteten Häuser am Ufer – das kann man auch von hier aus genießen“, sagt Tobias Zimmermann (29). Sein Bekannter Pascal Frensch (24) arbeitet für ein Hotel. „Ich muss mir ja einmal anschauen, was ich meinen Gästen empfehle“, sagt er. Im Speisesaal weiter vorne im Schiff sitzt ein älteres Ehepaar aus England. „Wir leben seit 16 Jahren in Spanien und sind hier in Urlaub“, sagt Marilyn Burgum. Ihr Mann Charles war zuletzt 1950 mit der British Army in Köln. Jetzt wolle er sehen, wie sich die Stadt seither verändert hat. „Pretty“ finden sie die Aussicht, und „very relaxed“ sei die Kreuzfahrt im Kleinformat. So wirken die meisten Passagiere, als die MS Loreley nach zwei Stunden wieder in der Altstadt anlegt. Es regnet noch immer. Aber wenn das Wetter mitspielt, klappt es sicher auch mit der Beachclub-Atmosphäre.

Im Schachcafé

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in: REPORTAGEN #15

„Mein Turm zermalmt Dir gleich die Eier!“, quetscht Zacharias aus zusammengepressten Lippen hervor. Sein osteuropäischer Akzent lässt die Drohung beängstigend glaubhaft klingen. Die zum Zopf zusammengeschnürten Haare scheinen ausbrechen zu wollen, ähnlich dem Springer, der wie entfesselt über die Felder galoppiert, um die schwarze Dame seines Gegners anzugreifen. „Du bist die unwürdigste aller mir bekannten Lebensformen!“, giftet Guido mit den gelben, kleinen Zähnen seines Unterkiefers, während er seinen Läufer quer über die Diagonale jagt und mit einem lauten Knall aufs Brett hämmert. „Schach ist ein Kampfsport“, erzählt mir Zacharias zwischen den Zügen. Es gehe darum, den Gegner zu vernichten. Ihn fertig zu machen. „Die Seele zerstören“, nennt er das.

Acht Uhr abends, mitten in Köln. Schachcafés gibt es schon seit Jahren nicht mehr. Nur noch hier, im Tag und Nacht Café, spielen sie regelmäßig, eine Handvoll Männer um die 60, Randfiguren der Gesellschaft. Disco-Musik durchwummert den großen Raum des Lokals. Die Spieler sitzen in der hintersten Ecke und starren auf die 64 schwarzen und weißen Felder, bis die Nachtschwärmer kommen und erst früh morgens wieder gehen. Auf einer Tafel steht: alle Cocktails 3,50€. Die Schachspieler trinken nicht. Manch einer von ihnen: nicht mehr.

Als Zacharias obdachlos war, habe ihn einmal eine Nonne gefragt, was er brauche. Sex, habe er geantwortet. Zacharias lacht immer wieder zwischen all den Geschichten, die meisten davon schlichtweg Unsinn. Die glaubwürdigste noch diese hier (die kann er mit den Narben an seinem Hals belegen): Als Vierjähriger habe er ein Glas mit Natronlauge getrunken. Die Verätzungen der Speiseröhre haben ihm fünf Jahre Krankenhaus eingebracht. Und seine Liebe zum Schach. Zacharias lacht wieder, diesmal etwas leiser.

Die Turniere, die hier ab und zu stattfinden, gewinnt der ehemalige tschechisch-deutsche Schachmeister Vlastimil Hort. Natürlich. Immer. Stolz sind sie auf ihren Helden, auch die Kellner. „Das ist Kaffeehausschach. Wie früher in Wien, Budapest, Berlin. Weißt Du?“, sagt Zacharias. Von dieser Welt träumen sie.

„Schach kann wahnsinnig machen. Wenn ich verliere, lässt mich das tagelang nicht los“, sagt er. Doch heute ist Zacharias der Sieger. Zufrieden steckt er die Holzfiguren in seinen Jutebeutel, schlüpft in seine speckige Lederjacke. „Bis morgen“, ruft er in die Runde und verschwindet in die Nacht. Aus den Lautsprechern dröhnt Rihanna: „We’re beautiful like diamonds in the sky.“